Gemütlich: Bechara Raffoul hat auch in seinem Wohnzimmer zahlreiche Stücke aus seiner libanesischen Heimat.
Gemütlich: Bechara Raffoul hat auch in seinem Wohnzimmer zahlreiche Stücke aus seiner libanesischen Heimat. (Foto: big)
Brigitte Geiselhart

Menschen aus rund 120 Nationen leben laut aktueller Statistik in Friedrichshafen und tragen zur kulturellen Vielfalt in unserer Stadt bei. Viele von ihnen sind längst am See zuhause und identifizieren sich mit ihrer neuen Heimatstadt. In unserer Serie „Häfler aus aller Welt“ stellen wir Männer und Frauen vor, die uns an ihrem Lebensweg teilhaben lassen und erzählen, warum sie sich im Hafen so wohl fühlen. Heute: Ein Mann, der schon 1960 aus dem Libanon nach Deutschland kam.

Bechara Raffoul ist ein echter Häfler. Vor genau 50 Jahren hat er mit seiner Familie am See ein Zuhause gefunden. Dennoch pflegt er seine Wurzeln. „Der Libanon bleibt natürlich meine Heimat“, sagt er und denkt an sein Geburtsland, das gerade in der jüngeren Vergangenheit nicht aus den Schlagzeilen kam. Viele Male hat er Reisegruppen aus Friedrichshafen und Umgebung in das sagenumwobene Land der Zeder begleitet. Zum Beispiel auch im Jahr 2006 – wenige Wochen bevor an gleicher Stelle Bomben fielen und viel Blut vergossen wurde. Immer waren es Touren, bei denen alle Teilnehmer nicht nur von der landschaftlichen Schönheit, von historischen Sehenswürdigkeiten und vom Wiederaufbau begeistert waren, sondern bei Gesprächen mit Vertretern unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen auch viel Wissenswertes über den Stand des interreligiösen Dialogs in dem Land, in dem seit jeher Menschen verschiedenster Konfessionen zusammenleben, erfuhren. „Mir geht es um das Wohl im Libanon“, sagt der Mann, der seit 1976 einen deutschen Pass hat. „Das Land kommt mir vor wie ein Fußballfeld, auf dem Außenmächte die Bälle hin und her schieben.“

In den 60er-Jahren zog es ihn nach Deutschland

„Ich hatte als Christ nie das Gefühl, in der muslimischen Nachbarschaft unerwünscht zu sein“, sagt Raffoul, der in seiner eigenen Kindheit ein problemloses Miteinander der Religionen erleben durfte. Schon 1960 zog es ihn nach Deutschland. Nach dem Maschinenbaustudium in Konstanz heiratete er seine Frau Marianne. Von 1968 bis zu seiner Pensionierung 1997 arbeitete er als Ingenieur in der ZF. „Das war für mich ein echter Glücksfall“, sagt er dankbar. In Jettenhausen fühlen sich Raffouls genauso wohl wie in der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde. „Über unsere beiden Kinder wurden uns auch viele Kontakte durch den CVJM ermöglicht. Das waren echte Türöffner für uns“, ergänzt der 79-Jährige, der auch heute noch mit großem Engagement „Arabische Sprache“ an der Volkshochschule Ravensburg unterrichtet.

Kulturell interessiert zeigte sich Bechara Raffoul schon immer – von Anfang an waren seine Frau und er Stammgäste bei vielen Veranstaltungen im Graf-Zeppelin-Haus. Früher hatte man vier Abonnements, heute immerhin noch zwei. „Seitdem ich in Rente bin, habe ich das Kommando in der Küche übernommen. Ich genieße es auch, zusammen mit meinen drei Enkelkindern zu kochen“, sagt er lachend und verrät, dass man auch im Libanon gefüllte Teigtaschen zu schätzen wisse, die schwäbischen Maultaschen nicht unähnlich sind. Machte das Ehepaar früher gerne ausgedehnte Wanderungen zur Ailinger Haldenbergkapelle, um von dort aus das herrliche Seepanorama zu genießen, so lässt man es heute etwas ruhiger angehen. Spaziergänge an der Uferstraße schätzt Bechara Raffoul nach wie vor sehr, auch wenn er vom derzeitigen baulichen Zustand nicht begeistert ist. „Man sollte sich Bregenz zum Vorbild nehmen. Dort sind auch Fuß- und Radweg in vorbildlicher Weise getrennt“, so sein Rat an die Stadtplaner.

Die kleine Libanonzeder, die jahrelang als Topfpflanze in seinem Garten stand, hat leider nicht überlebt. „Vielleicht bringe ich mir eine neue mit“, sagt Bechara Raffoul. Gelegenheit dazu besteht bald. Im Mai begleitet er eine Gruppe der Bonhoeffer-Gemeinde in sein Heimatland. Auf dem Programm steht unter anderem auch ein Besuch von Byblos. Die Hafenstadt an der Mittelmeerküste nördlich von Beirut gehört zu den ältesten permanent besiedelten Orten der Erde.

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