Abdelkarim, Staatsfreund Nummer eins, im Bahnhof Fischbach
Abdelkarim, Staatsfreund Nummer eins, im Bahnhof Fischbach (Foto: Felix Kästle)
Felix Kästle

Vorurteile gegen Fremdländisches? Kein Problem. Comedian Abdelkarim spielt damit. Und er jongliert geradezu mit der menschlichen Voreingenommenheit, wie der „Staatsfreund Nummer eins“ am Freitagabend im Bahnhof Fischbach klar gemacht hat. Sein gleichnamiges Programm mit viel gesellschaftlicher Kritik hat Sprengkraft. Das lässt nachdenklich werden.

„Wow. In Deutschland haben wir mittlerweile einen dunkelhäutigen Nachrichtensprecher. Doch manche glauben ja tatsächlich, dass ihr Fernseher kaputt ist“, scherzt der gebürtige Bielefelder voller Ironie, der in der „Bronx“ der unwirklichen Stadt aufgewachsen ist. Und so wenig wie die Stadt Bielefeld existieren soll, gibt es in Deutschland auch keine Farbigen. „Dunkelhäutig – das ist okay. Der Begriff Schwarz trifft es auch. Doch einen farbigen, gar bunten Menschen hab‘ ich noch nie gesehen, egal, wie lange ich ihn angeschaut habe.“

Die beißenden und scharfzüngigen Gags kommen an. Und sie hinterlassen Spuren. Abdelkarims gesellschaftliche Kritik ist meist unverblümt, teils mit spitzem oder subtilem Humor. „Leider haben wir in Deutschland einen Rechtsruck bekommen. Vielen Dunkelhäutigen wird die Frage gestellt, woher sie kommen. Aus Bielefeld? Diese Antwort reicht manchem nicht aus. Und woher kommst du wirklich?“ Du hast schon eine sehr lange Nase für einen Deutschen, spielt der 38-Jährige auf das Thema Rassenwahn an. Apropos: „Ich wollte bei den Reichsbürgern mitmachen, habe aber eine Absage bekommen. Die sagten: Wir haben ja schon Xavier Naidoo“, witzelt mit scharfer Zunge der Staatsfreund Nummer eins, der in Jogginghose und langer Lederjacke auf der Bühne steht. „Der Look ist russisch. Das hat mir mal ein Russe gesagt, der lauthals jammert: Die Comedyszene hat uns ganz vergessen.“ Abdelkarim: „Sorry, doch mein Leben geht vor.“

Derzeit tingelt Abdelkarim mit seinem zweiten Liveprogramm quer durch Deutschland. Nach „Zwischen Ghetto und Germanen“ erzählt der in Deutschland geborene Sohn marokkanischer Eltern, was er erlebt und was ihn geprägt hat. Tabus? Nee. Abdelkarim benennt klar, was ihn gesellschaftlich stört: Ausgrenzung, Vorurteile, Klischees. Und mit letzterem spielt er gerne. „Die sozialen Brennpunkte in Deutschland sind nicht mehr wichtig. Wir haben ja seit einiger Zeit Flüchtlinge. Ich selbst gehöre zum Sozialadel. Angela Merkel ist so eine Art Mafiaboss. Sie bleibt. Ihre Freunde gehen. Wer Merkel kritisiert, verschwindet. So hat sie immer weniger Gegner wie etwa Martin Schulz, der eine Art Obama auf 400-Euro-Basis ist.“

Die Sache mit dem Wurstbrot

Wie Integration funktionieren kann, weiß Abdelkarim nur zu gut, wenn einer neben ihm um sieben Uhr morgens im Zug ein dickes Wurstbrot auspackt. Und das alles ganz nach der Devise: „Ich bestimme, wie die Bahn morgens riecht. Geht dann die Türe auf und kommt Luftstoß herein, riecht alles nach Schwein und Wurst. Das ist eine Art Zwangsintegration“, macht der Comedian einen nachdenklich, der nichts von Sport hält. „Wieso auch? Wenn ich renne, bin ich langsamer als beim Gehen. Und das Seepferdchen-Abzeichen habe ich auch erst in der achten Klasse bekommen. Und das nachdem ich versprochen habe, nie mehr ins Wasser zu gehen.“

Der Staatsfreund Nummer eins kommt im fast ausverkauften Bahnhof Fischbach gut an. Seine Zunge ist scharf wie ein Schwert. Zwei Stunden gesellschaftskritische Comedy, die Nachdenklichkeit hinterlässt. Abdelkarim legt den Finger in die offene Wunde Deutschlands und verpackt seine Kritik mit Humor.

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