Hightechstandort Bodensee braucht Zuwanderer

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 Beim „Berliner Dialog“ sprechen die Teilnehmer vor allem um die Gewinnung ausländischer Facharbeiter (von links): Katharina Ham
Beim „Berliner Dialog“ sprechen die Teilnehmer vor allem um die Gewinnung ausländischer Facharbeiter (von links): Katharina Hamberger, Hubertus Heil, Marcus Wassenberg und Benjamin Parameswaran. (Foto: Simone M. Neumann)
Schwäbische Zeitung

Gelegentlich gerät am Mittwochabend das alte Bild von den gegensätzlichen Interessen von Arbeitgebern und Gewerkschaften durcheinander. „Wir brauchen mehr Tarifverträge, nicht weniger“, sagt Marcus Wassenberg, der Finanz- und Personalvorstand der Friedrichshafener Rolls Royce Power Systems (RRPS). Dies sei der richtige Weg, die Arbeitnehmer auf dem Weg ins digitale Zeitalter mitzunehmen. Auch eine klare Haltung der Unternehmen zu Populisten hält Wassenberg für geboten. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der neben ihm steht, nimmt beides wohlwollend zur Kenntnis.

Beide treffen beim „Berliner Dialog“, einer Diskussionsveranstaltung im Regierungsviertel der Hauptstadt, aufeinander. Anlass ist ein für die Hightech-Firmen der Bodenseeregion langfristig überlebenswichtiges Thema: Die Zuwanderung von Fachkräften aus allen Ländern der Welt. In der kommenden Woche werden zwei Gesetze des Arbeitsministers dazu erstmals im Bundestag debattiert. Wassenberg stellt klar, dass liberale Regelungen überfällig sind. „Wir brauchen Facharbeiter, die wir in Deutschland nicht mehr finden“, sagt er. 120 Stellen seien bei RRPS derzeit unbesetzt.

Beschäftigte aus 55 Nationen

Das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz wird es Arbeitnehmern aus Ländern jenseits der EU-Grenzen erleichtern, hierzulande einen Job anzunehmen. „Das ist das Bekenntnis der Lebenslüge, kein Einwanderungsland zu sein“, sagt der Minister. Über Jahrzehnte sei darum gestritten worden und noch heute sieht er in Teilen der Unionsparteien Widerstände gegen eine weitere Öffnung des Arbeitsmarktes. Das besondere am neuen Gesetz besteht darin, dass nicht nur hochqualifizierte Fachkräfte angesprochen werden, sondern ausgebildetes Personal aus allen Berufen. Sie dürfen kommen, wenn sie einen Arbeitsplatz nachweisen können oder einen Job suchen. Den Lebensunterhalt müssen sie in dieser Zeit selbst aufbringen. Das zweite Gesetz regelt die sogenannte Beschäftigungsduldung. Damit soll es abgelehnten, aber geduldeten Flüchtlingen mit einer Arbeitsstelle erleichtert werden, hier dauerhaft zu arbeiten.

Für global tätige Unternehmen wie RRPS, das sich gerade in Richtung digitaler Technologien umorientiert, ist die Internationalisierung längst selbstverständlich. Die derzeit Beschäftigten stammen aus 55 Nationen. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass im Betrieb nur Deutsch gesprochen wird. Auch Flüchtlinge werden ausgebildet. Für sie steht ein Mitarbeiter für alle Fragen rund um die Uhr zur Verfügung. „Wir sind alle stolz darauf, dass wir dies machen“, sagt Wassenberg.

Auch der Arbeitsminister hält es für unsinnig, wenn Flüchtlinge erst ausgebildet und dann abgeschoben werden. Doch hier bremse die Union eine weitergehende Liberalisierung. Unternehmer wie der Allgäuer Brauereibetreiber Gottfried Härle setzen sich dafür ein, weil sie angesichts der Vollbeschäftigung in der Region für bestimmte Tätigkeiten keine Leute mehr finden. Heil will mit dem Unternehmer noch einmal zusammenkommen und sich seine Verbesserungsvorschläge für das Gesetz anhören.

Doch allein mit einem guten Job lässt sich der Fachkräftemangel nicht beheben. Da sind sich die Experten einig. „Für den Erhalt des Wohlstands brauchen wir die drei T“, sagt Wassenberg, „Talente, Technologie und Toleranz.“ Zu Letzterem gehört eine Willkommenskultur, die auch die Familien der Zuwanderer umfasst. Das halten die Fachleute auch für wichtig, um mit weltoffenen Standorten wie Berlin im Wettbewerb um gute Leute mithalten zu können. Da sieht Heil in Teilen Deutschlands noch einen erheblichen Nachholbedarf, ohne die neuen Länder ausdrücklich zu nennen.

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