„Häfler helfen“ startet die Weihnachtsaktion

 Gemeinsam für „Häfler helfen“ (von links): Harald Ruppert (Schwäbische Zeitung), Dekan Bernd Herbinger, Dagmar Neuburger (Diako
Gemeinsam für „Häfler helfen“ (von links): Harald Ruppert (Schwäbische Zeitung), Dekan Bernd Herbinger, Dagmar Neuburger (Diakonie), Martin Hennings (SZ), Stadtdiakon Ulrich Föhr und Co-Dekan Gottfried Claß. (Foto: Felix Kästle)
Redakteur

Die Aktion „Häfler helfen“ bittet in ihrer Weihnachtsaktion wieder um Spenden zugunsten der Bedürftigen in unserer Stadt. In diesem Jahr ist das Spendenprojekt der katholischen und der evangelischen Kirche sowie der SZ als Medienpartner noch stärker auf Unterstützung angewiesen als in früheren Jahren.

Denn infolge des Coronavirus ist mit einem Rückgang der Spenden zu rechnen. Zum einen, weil viele Häfler wegen Einkommensverlusten sparen müssen. Zum anderen, weil infolge der Kontaktbeschränkungen große gesellige Ereignisse wegfallen, denen „Häfler helfen“ sonst große Summen verdankt.

Die Armen in Friedrichshafen bringt das in eine Zwickmühle. Schon in „normalen“ Jahren leben sie in prekären Verhältnissen. Aber durch Corona verschärfen sich ihre Notlagen. Das sticht nicht ins Auge. Armut ist schambehaftet. Wer arm ist, drängt in der Regel nicht in die Öffentlichkeit, sondern macht sich unsichtbar. Und durch die Corona-Pandemie werden die Armen noch unsichtbarer. Das bemerken sowohl der katholische Stadtdiakon Ulrich Föhr als auch Dagmar Neuburger von der evangelischen Schwangeren- und Konfliktberatung. „Die Leute klopfen seit Corona sehr verhalten bei uns an“, sagt Neuburger. „Aber das kann nicht daran liegen, dass die Not abgenommen hat. Wir wissen, dass sie da ist.“

„Corona ist ein Faktor, der die Isolation verstärkt“, erklärt sich der evangelische Codekan Gottfried Claß dieses Phänomen. „Die CoronaSchutzmaßnahmen sind ein verordneter Rückzug. Das macht es den Menschen in Verbindung mit ihrer Scham noch schwerer, eine Beratungsstelle aufzusuchen.“

Wir alle leiden unter den Kontaktbeschränkungen. Aber für Menschen, die in Armut leben, ist Isolation ein noch größeres Problem. Ihre sozialen Kontakte sind generell schwächer ausgeprägt, ein Halt gebendes Netz von Beziehungen oft brüchig oder kaum vorhanden. „Viele haben keine Familie, und durch die Kontaktbeschränkungen verschwinden ihre gewohnten offenen Treffpunkte“, sagt der katholische Dekan Bernd Herbinger. In der Folge verkriechen sich viele in ihren Wohnungen oder sonstigen Quartieren und gehen kaum noch vor die Tür. „Hinzukommt, dass viele meiner Klienten Vorerkrankungen haben“, sagt Ulrich Föhr. „Sie gehören zur Corona-Risikogruppe und bleiben deshalb daheim.“ Für Föhr ist das ein schlimmer Zustand. „Wegen Corona fallen Zufallsbegegnungen und kleine Gespräche weg“, sagt er. Wie stark muss das jemanden betreffen, dem bislang lediglich ein Gruß von einem flüchtigen Bekannten noch bestätigte, dass er wahrgenommen wird? Jemandem, der diesem Bekannten wegen Corona jetzt nicht mehr begegnet?

Dennoch: Wo die Menschen Hilfe suchen, beginnen sie zu sprudeln. „Ein Gespräch über ihre Situation gibt oft Aufschluss über eine Notlage, in der wir ihnen dank ‚Häfler helfen‘ beistehen können“, sagt Dagmar Neuburger. Der Herd ist kaputt, die Wohnung von Schimmel befallen, der Strom nicht bezahlt, zählt sie oft wiederkehrende Sorgen auf. „Ganz oft höre ich auch die Frage: Haben Sie eine Wohnung für mich?“, fügt Föhr an. Zur Antwort muss er dann den Kopf schütteln. Generell erschwert wird einkommensschwachen Familien das Leben in der Pandemie in zu kleinen Wohnungen, in denen der Teil-Lockdown schwer zu ertragen ist.

Die Notlagen haben sich also nicht gebessert, sondern durch Corona sind neue Sorgen hinzugekommen. Wie jene der Eltern, die in der Zeit der Schulschließungen und des Heimunterrichts zu Ulrich Föhr kamen. „Den Kindern wurde per E-Mail Unterrichtsmaterial zugeschickt, das sie ausdrucken sollten. Aber die Eltern hatten kein Geld für einen Drucker, oder die Druckertinte ging aus und sie konnten sich keine neue leisten.“

Bernd Herbinger, Gottfried Claß, Ulrich Föhr und Dagmar Neuburger appellieren an die Friedrichshafener, „Häfler helfen“ auch in diesem Corona-Jahr nicht zu vergessen. „‚Häfler helfen‘ finanziert sich rein über Spenden. Ohne sie geht deshalb gar nichts“, sagt Herbinger. Ulrich Föhr sähe es gern, wenn wieder mehr Firmen zur Weihnachtszeit auf die übliche Glückwunschpost an ihre Kunden verzichten würden, um das Eingesparte stattdessen an „Häfler helfen“ zu spenden. Außerdem bittet er, lieber an „Häfler helfen“ zu spenden als die Lieben daheim mit Verlegenheitsgeschenken zu bedenken. „Schenken Sie eine Spende an ‚Häfler helfen“, wirbt der Stadtdiakon.

Verwaltet werden die „Häfler helfen“-Spenden von der katholischen und der evangelischen Kirche. Für Verwaltungskosten zwacken sie dabei keinen einzigen Cent ab. Die Spenden kommen zu hundert Prozent bei den Bedürftigen an – schnell und unbürokratisch. Geholfen wird dort, wo Ulrich Föhr und Dagmar Neuburger im Gespräch mit Hilfesuchenden eine besondere Not erkennen.

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