Gemeinsam für „Häfler helfen“ (von links); Gottfried Claß, Dagmar Neuburger, Ulrich Föhr, Sabine Hornig und Bernd Herbinger.
Gemeinsam für „Häfler helfen“ (von links); Gottfried Claß, Dagmar Neuburger, Ulrich Föhr, Sabine Hornig und Bernd Herbinger. (Foto: Harald Ruppert)

Die Kassen von Häfler helfen leeren sich zum Jahreswechsel. Das Geld der letztjährigen Spendenaktion wurde für Bedürftige in Friedrichshafen ausgegeben. Jetzt läuft die Aktion wieder an. Ab sofort kann gespendet werden.

„Wenn ich in anderen Städten von Häfler helfen erzähle, kommt oft die Antwort: ,So etwas bräuchten wir hier auch“, sagt der evangelische Codekan Gottfried Claß. Er weiß auch, warum: „Wir müssen in der Gegenwart wieder dafür kämpfen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht.“ Dieses „wir“ nimmt Häfler helfen wörtlich: Die Spenden stammen von Häflern und sie bleiben auch bei den Menschen, die in Friedrichshafen leben. Kein Cent der Spenden wird für etwaige Verwaltungskosten abgezweigt – und das ist eine Seltenheit. „Jeder Euro, der gespendet wird, kommt bei den Menschen auch an“, betont der katholische Dekan Bernd Herbinger.

Über die Vergabe befinden ganz konkret der katholische Stadtdiakon Ulrich Föhr sowie Sabine Hornig und Dagmar Neuburger von der Familienberatung, Schwagerenberatung und Schwangerschaftskonfliktberatung der evangelischen Diakonischen Bezirksstelle. Sie kümmern sich um Menschen mit allen ihren Nöten. Finanzielle Bedürftigkeit ist dabei nur eine Facette der Armut. Ulrich Föhr nennt weitere: „Wer zu uns kommt, kämpft oft auch mit Krankheiten und mit der Psyche.“

„Zu jedem von uns kommen Leute, die kein Geld wollen. Sie wollen nur von ihren Sorgen erzählen“, ergänzt Sabine Hornig. In der wohlhabenden Industriestadt Friedrichshafen ist Armut ein eher verdecktes Problem. „Vielen sieht man die Armut gar nicht an. Bis irgendwann die gute Kleidung, die noch vorhanden war, eben doch zerschlissen ist“, sagt Dagmar Neuburger. Viele Arme wahren nach außen den Schein der Normalität, so lange das möglich ist. Auch in Friedrichshafen gibt es Menschen im Rentenalter, die ganz gut gekleidet sind, aber doch in den öffentlichen Mülleimern nach Pfandflaschen suchen.

Häfler helfen wird dort aktiv, wo Menschen durchs soziale Netz rutschen. „Durch Häfler helfen können wir Milde zeigen. Das ist es, was wir als kirchliche Einrichtungen der an Sozialgesetze gebundenen Verwaltung voraus haben“, sagt Ulrich Föhr.

Armut ist schambehaftet. Die Hilfesuchenden sind zahlreich, rennen dem Stadtdiakonat und der Beratungsstelle aber nicht die Türen ein. „In einer Stadt der Größe Friedrichshafens müsste es 1000 bis 2000 Arme geben. Es kommen aber nur 500“, sagt Bernd Herbinger.

Webfehler im sozialen System

Aus Armut herauszukommen, ist nicht einfach. Das soziale System hat Webfehler. „Ich habe Klientinnen, die ihre Teilzeittätigkeit aufstocken möchten“, erzählt Sabine Hornig. „Aber dadurch fallen sie aus dem Bezug von Arbeitslosengeld II heraus sowie aus dem Wohngeldbezug – und damit aus den Leistungen für Bildung und Teilhabe. Wenn dann noch zwei Kinder da sind, fängt die berufliche Aufstockung finanziell nicht auf, was da wegbricht“, sagt Sabine Hornig. In solchen Fällen müsse sie leider den Rat geben, auf die Aufstockung besser zu verzichten; eine widersinnige Konsequenz, wenn von Armut Betroffene Eigeninitiative zeigen.

In diesem Jahr fanden unter den Klienten mehr Umzüge in neue Wohnungen statt als sonst. „Einige sind in den Genuss der neu gebauten Wohnungen in Friedrichshafen gekommen“, sagt Sabine Hornig. Manche dieser Wohnungen haben keine Küche; da sprang Häfler helfen teilweise ein. Die „Klassiker“ unter den Hilfsmaßnahmen spielen nach wie vor eine große Rolle: Unterstützung bei Mietrückständen, die Übernahme von Gas-, Strom- und Wasserrechnungen.

Armut zermürbt. „Die Menschen müssen sich immer gegen sie stemmen. Irgendwann kann die Kraft dazu fehlen“, sagt Dagmar Neuburger. Sabine Hornig nennt ein Beispiel: Eine Mutter, die am Seehasenfest nicht mehr die Kraft hatte, zu ihren Kindern immer nur „nein“ zu sagen. Am Ende blieb das eigentlich anders eingeplante Kindergeld beim Seehasenfest.

„Auch wer nicht viel Geld hat, hat das Recht, sich mal etwas zu gönnen“, sagt Ulrich Föhr. Es bedeutet nichts anderes, als am normalen Leben teilzuhaben. Ohne das Geld von Häfler helfen wäre das aber oft nicht möglich. Freilich muss sich das im Rahmen halten. Föhr, Neuburger und Hornig achten darauf, dass die Klienten das Geld sinnvoll ausgeben. „Das sind Spendengelder von Privatpersonen, für die ich verantwortlich bin“, sagt Ulrich Föhr.

Wichtig ist allen Beteiligten der Aktion, dass Hilfesuchende an der Tür nicht nach ihrer Konfession oder Religion gefragt werden. „Das Geld von Häfler helfen wird ohne Ansehen der Person vergeben“, betont Dekan Herbinger. „Das ziehen wir durch.“

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