Häfler bringen Anleger um Millionen und bleiben wohl straffrei

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Die beiden Angeklagten müssen sich vor dem Landgericht in Ravensburg wegen Betrugs in Millionenhöhe verantworten.
Die beiden Angeklagten müssen sich vor dem Landgericht in Ravensburg wegen Betrugs in Millionenhöhe verantworten. (Foto: Roland Rasemann)

Zwei gebürtige Häfler müssen sich seit Dienstag wegen gewerbsmäßigen Betrugs in Millionenhöhe vor der ersten großen Strafkammer des Landgerichts Ravensburg verantworten.

Die beiden Angeklagten sollen Anleger in großer Zahl – vorwiegend aus dem Bodenseeraum/Oberschwaben – aber und bis nach Nordrhein-Westfalen und Berlin vor mehr als zehn Jahren um deren kompletten Einlagen gebracht haben. Freiheitsstrafen haben beide dennoch nicht zu befürchten. Eventuell wird der Prozess sogar komplett eingestellt.

Zwei Millionen Euro Schulden

Der erste Angeklagte war im Finanzbereich Quereinsteiger. Nach mittlerer Reife und einer Lehre bei der Polizei war er unter anderem als Personenschützer für Daimler-Benz-Vorstandsmitglieder tätig. Danach gründete er eine Praxis für Finanz- und Vermögensfragen sowie ein Unternehmen für Wertpapier- und Investitionsfonds, ehe er nach dem Aus einer Finanzfirma in der Schweiz und dem finanziellen Fiasko für viele seiner Kunden seit Ende der 1990er- Jahre versucht, „wieder auf die Beine zu kommen“. Heute arbeitet er in der Schweiz. Der Schuldenstand des Angeklagten: zwei Millionen Euro.

Sein mitangeklagter Kollege, mit dem er einst die Finanzwelt erobern wollte, heuerte nach dem Abitur beim Bundeswehr in Ulm an, machte anschließend eine Ausbildung als Finanzanwärter für den gehobenen Dienst und arbeitete anschließend bei einem Finanzamt in der Region. 1986 eröffnete er eine Praxis für Finanz- und Vermögensfragen, hatte in zwischenzeitlich weiteren Büros 50 Mitarbeiter. 1998 gründete er dann gemeinsam mit seinem Mitangeklagten die Firma, mit der viele Kunden Millionen verloren. Heute verdient er sein Geld bei der Post.

Viele der Fälle sind bereits verjährt

Beide Geschäftsführer hatten ihren Kunden sichere Anlagen versprochen (Bankgarantiegeschäfte), unter anderem in darlehensfinanzierten Lebensversicherungen und Immobilien. Bis zu 15 Prozent Zinsen sollten Kunden für ihre Einlage erhalten, die etwa als Sondervermögen tituliert war und damit vor Insolvenz geschützt sein sollte.

Eine andere Abwicklung sollte über Aktiendepots in den USA erfolgen oder ein englischer Versicherer sollte über elf Prozent Zinsen zahlen. Tatsächlich hatten sich die Angeklagten in hochspekulative Geschäfte verstrickt oder Kundengelder für Privates verwendet. Dabei hatten die Kunden ausdrücklich sichere Anlagen gefordert. In einem Fall-Erörterungsgespräch wollten Verteidigung und Staatsanwaltschaf am Dienstag beraten, wie der Prozess weitergeführt oder eventuell sogar eingestellt werden soll. Der Grund: Die Vorwürfe (insgesamt 84) liegen mehr als zehn Jahre zurück, sind teilweise verjährt oder verjähren noch in diesem Jahr.

Fünf Jahre bis zur Anklage

Verteidiger Tomislav Duzel aus Konstanz betonte, beide Angeklagten (heute psychisch angeschlagen) hätten Produkte verkauft, deren Funktionieren sie nicht überblickt haben. Ihnen sei von Dritten etwas „aufgeschwatzt“ worden. Ein Verschulden habe es auch aufseiten der Einleger gegeben.

Wegen „schwerer Verfahrensverzögerung“ und einer „eklatanten Verletzung des Beschleunigungsgebots“ forderte Duzel eine Einstellung des Verfahrens und verwies auf Rechtssprechungen des Europäischen Gerichtshofs und des Bundeserfassungsgerichts. Tatsächlich hat es nach Angaben des Kammervorsitzenden Stefan Maier fünf Jahre gedauert, bis überhaupt Anklage erhoben wurde.

Beide Angeklagten, so die Verteidiger Tomislav Duzel und Jan Helm, haben die drohenden Belastungen durch das Verfahren auf sich genommen. Sie hätten auch die Verjährung der restlichen Vorwürfe (durch vorübergehende Abwesenheit) abwarten können, bemerkte auch der Vorsitzende.

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