Schwäbische Zeitung

Das Wohl der Allgemeinheit, das Gemeinwohl, hat die Gemeinderatsfraktion der Grünen in einer Veranstaltung im Graf-Zeppelin-Haus in den Fokus gestellt. Mehr als 200 Besucher wollten Christian Felber, den Mitbegründer der Gemeinwohlökonomie-Bewegung (GWÖ), hören. Jetzt soll in Friedrichshafen eine GWÖ-Gruppe gegründet werden.

Die Botschaft des österreichischen Politikwissenschaftlers: Nicht nur die finanzielle Rendite, sondern ethische Grundsätze sollten im Vordergrund des unternehmerischen Handelns – und der Politik – stehen. Das reine Streben nach Rendite gehe zu Lasten gerechter Einkommensverteilung, bezahlbarer Mieten und der Umwelt. Deshalb sei nicht verwunderlich, dass 72 Prozent der Menschen weltweit laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung (2012) mit dem aktuellen Wirtschaftssystem nicht zufrieden sind, in Deutschland sogar 88 Prozent. „Statt den Erfolg nur monetär zu messen, sollte gemessen werden, ob die Menschen gesünder, glücklicher, gebildeter und friedlicher sind“, sagte Felber. „Die Grundwerte der Mehrheit der Bevölkerung werden nicht respektiert“, so Felber. Stattdessen handele die Politik auf allen Ebenen nach rein wirtschaftlichen Interessen. Als Lösung sieht er eine Ethikbilanz, in die außer finanzieller Rendite viele andere Faktoren einfließen.

Kommunen können mitmachen

Innerhalb von siebeneinhalb Jahren hat die GWÖ-Bewegung Mitstreiter in 25 Staaten gefunden. In Deutschland gibt es bereits 500 zertifizierte Unternehmen und Organisationen und 50 aktive Städte und Gemeinden. Stuttgart hat bereits zwei Kommunalbetriebe zertifiziert, Mannheim startet im kommenden Jahr mit vier Betrieben. „Das Wohl von Menschen und Umwelt wird zum obersten Ziel des Handelns und Wirtschaftens“, zitierte Grünen-Stadtrat Gerhard Leiprecht den GWÖ-Mitbegründer Felber bereits in der Begrüßung und forderte, dass der Gemeinderat stärker nach dieser Devise entscheiden möge. „Das Thema Nachhaltigkeit darf nicht auf geschönte Nachhaltigkeitsberichte beschränkt sein“, ergänzte Thomas Henne, GWÖ-Experte des Grünen-Ortsverbandes und Mitglied der GWÖ-Regionalgruppe Oberschwaben. Als mögliche Pioniere für eine GWÖ-Bilanzierung nannte Leiprecht das Stadtwerk am See, den Klinikverbund und die städtische Wohnungsbaugesellschaft. Der langanhaltende Applaus, den Christian Felber für seinen zweistündigen Vortrag erntete, gab ihm Recht.

Gut besuchte Workshops

Im Anschluss an den Vortrag nutzten 40 Teilnehmer – darunter Unternehmer, Kommunalpolitiker und Unterstützer – die drei Workshops der Regionalgruppe des Vereins zur Förderung der GWÖ, um sich eingehender über die Gemeinwohlbilanzierung als Managementkonzept und neue Wirtschaftsordnung zu informieren. Moderiert wurden die Workshops von Kajo Aicher (Aufsichtsratsvorsitzender bei Die Weltpartner Fairhandelsgenossenschaft und Kreistagsmitglied der Grünen), Simon Neitzel (Nachhhaltigkeitsnetzwerk „Wirundjetzt e.V.“) und Thomas Henne (freiberuflicher Berater und Trainer).

Noch vor Ort wurde beschlossen, eine örtliche GWÖ-Gruppe für Friedrichshafen zu gründen und konkrete Aktionen und Projekte ins Auge zu fassen. Gleich mehrere Unternehmensvertreter kündigten an, eine GWÖ-Bilanz erstellen zu lassen.

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