Gelungene Hommage an Joachim Ringelnatz im Gessler 1862

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Kein bisschen Sprödes, sondern gute Unterhaltung bieten Bernd Wengert (rechts) und sein Bühnenpartner Rudi Hartmann (Akkordeon)
Kein bisschen Sprödes, sondern gute Unterhaltung bieten Bernd Wengert (rechts) und sein Bühnenpartner Rudi Hartmann (Akkordeon) im Gessler 1862. (Foto: gus)
Gudrun Schäfer-Burmeister

Gute Unterhaltung in gemütlicher Atmosphäre bietet das Gessler 1862 nicht nur tagsüber mit Leckereien im Café und einer schönen Auswahl im Buchladen. Zur geistigen Nahrung gehören Abendveranstaltungen wie das Bühnenstück „Nein, im Ernst, ob das komisch war...“, eine Hommage an Joachim Ringelnatz, gestaltet von Bernd Wengert und Rudi Hartmann.

Dass es nicht, wie angekündigt, um halb Acht losgeht, wundert die in geselliger Zuhörerrunde Wartenden ein wenig. Doch es dauert nur ein Viertelstündchen, bis sich zwei Männer mit Schiebermütze – für die jüngeren Leser: es handelt sich dabei um eine in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts ebenso populäre Kopfbedeckung wie heutzutage Basecaps – durch die Tische und Stühle zwängen. „Hast du die Noten dabei?“ fragt der eine. Mit einem Akkordeon und einer großen Seemannskiste bauen sie sich vor dem Publikum auf. „Was machen denn die Leute hier? Tschuldigung, was machen Sie hier?“ Es handle sich lediglich um die Probe, die Vorstellung gebe es erst am darauffolgenden Tag. „Mir hond au zahlt, mir bleibet do“ lautet die schwäbische Replik einer erwartungsvollen Zuhörerin.

In den folgenden eineinhalb Stunden zeichnen sie einen schauspielerischen und musikalischen Lebensbogen des Schriftstellers, Kabarettisten und Malers, der vor seiner künstlerischen Karriere nicht nur Seefahrer und Buchhalter war, sondern mehr als 35 Berufe ausgeübt haben will. Geboren wurde er als Hans- Gustav Bötticher 1883 nahe Leipzig, gestorben ist er als Joachim Ringelnatz 1934 in Berlin, verarmt und von den Nazis mit einem Auftrittverbot belegt. Mit 25 wurde er für einige Jahre Hausdichter im Münchner Künstlerlokal „Simplicissimus“, wo er seine Verse vortrug und wo angeblich sein Blinddarm ausgestellt war, die Haut einer Weißwurst.

In München lernte er seine bei der Heirat 1920 19-jährige Frau kennen, die er „Muschelkalk“ nannte. Er selbst wählte seinen Künstlernamen vermutlich in Bezug auf seine Seefahrerzeit: „Ringelnass“ ist eine Bezeichnung für Seepferdchen.

Bernd Wengert, Schauspieler aus Ravensburg und Rudi Hartmann, Schifferklavierspieler und im Brotberuf Musikalischer Leiter am Theater Konstanz, deklamierten die Gedichte und Lieder ganz wunderbar. Sie mischten und untermalten die Originaltexte von Ringelnatz mit berühmten Songs aus der damaligen Zeit. „Das ist die Wiege der Matrosen“, „Flieger, grüß mir die Sonne“, „Ein Freund, ein guter Freund“, „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“, „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder“ , lauten die Textschnipsel zu den Evergreens, die das Publikum so gut kennt, dass es die Musik mitsummt, in die Refrains einstimmt und mit den Füßen dazu wippt. Geradezu Textsicherheit besteht bei „Lili Marleen.“

Der größte Teil des Abends gehört jedoch Joachim Ringelnatz‘ Wortspielereien und Reimen, in denen er alle Themen des Lebens bedenkt und sie in kuriose Zusammenhänge bringt. Melancholisch sind sie, witzig, manchmal derb und sanftmütig zugleich. Vielleicht am bekanntesten sind die Gedichte des Kuttel Daddeldu, die Kindergebete und die Turngedichte. Oder wie wäre es mit einer solchen Liebeserklärung?: „Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken - eine Kachel aus meinem Ofen - schenken.“

Dass Lyrik keinen Poetry-Slam braucht, um kurzweilige, gute Unterhaltung zu bieten, beweisen Wengert und Hartmann an diesem Abend. Ihrem musikalischen „La-Paloma“-Abgang folgt „Der Bumerang“: „War einmal ein Bumerang. War ein Weniges zu lang. Bumerang flog ein Stück, aber kam nicht mehr zurück. Publikum - noch stundenlang - wartete auf Bumerang.“

Nach dieser Zugabe darf das Publikum vielleicht auf mehr warten. War schließlich nur die Probe, oder?

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