Eine menschenleere Hitzeinsel, fast ohne Grün: Die Maßnahmen gegen die Wärmebelastung am Adenauerplatz sind ausbaufähig.
Eine menschenleere Hitzeinsel, fast ohne Grün: Die Maßnahmen gegen die Wärmebelastung am Adenauerplatz sind ausbaufähig. (Foto: Harald Ruppert)

In welche Richtung muss sich Friedrichshafen entwickeln, um die Folgen des Klimawandels begegnen zu können und sie vor Ort abzumildern? Das ist die zentrale Frage, unter der das „Projekt Klimastadt“ steht – und sie bewegt auch die etwa 120 Interessierten, die es am Mittwoch ins Bürgerhaus Kluftern trieb, zu einem Informationsabend im Rahmen des ISEK-Prozesses.

„Klimawandel auch bei uns! Kann uns die Energiewende noch retten?“, lautete der Titel des Vortrags von Volker Quaschning, Professor auf dem Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Eingeladen hatte der Arbeitskreis Solarnutzung der Lokalen Aganda 21 Kluftern und die Stadtverwaltung Friedrichshafen.

Quaschnings Vortrag nahm das Thema aus globaler Perspektive in den Blick. Er sprach er von steigenden Meeresspiegeln, bedrohter Nahrungsmittelversorgung und den daraus folgenden globalen Flüchtlingsströmen. Quaschning führte vor Augen, was es heißt, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen: die Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2040 auf Null zu reduzieren.

Den Klimawandel vor Ort machte dagegen Ortsvorsteher Michael Nachbaur in seinem Grußwort zum Thema. Er zeigte auf, wie sich das Klima in der Bodenseeregion bereits verändert hat: Seit 1990 nahm die durchschnittliche Lufttemperatur am See um 1,2 Grad zu, die Bodensee-Wassertemperatur um ein Grad. Vor allem Tillmann Stottele bettete den Vortrag Quaschnings in den lokalen Rahmen ein. Der Leiter der Abteilung Umwelt- und Naturschutz bei der Stadtverwaltung stellte die Ergebnisse einer Themalkartierung vom Juni 2016 in Friedrichshafen vor. Gemessen wurde an einem heißen Julitag, an den sich eine tropische Nacht anschloss. Tropische Nächte sind solche, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Die Karte, die Stottele an die Wand warf, bildete die Unterschiede zwischen den warmen und den kühleren Stadtbereichen ab. Wenig verblüffend war, dass das Industrieareal Leutholdstraße zu den Hitzepunkten zählt, aufgrund der großen Hallen und der Bodenversiegelung. Auch die Häfler Altstadt ist ein Hitzepunkt, weil es hier kaum Bäume gibt. Zudem hat der See, wenn er sich erst deutlich über 20 Grad aufgewärmt hat, keine abkühlende Wirkung mehr. „Der Bodensee hat dann eher einen Erwärmungseffekt“, sagte Stottele. Eine abkühlende Wirkung kann es dann nur durch Kaltluft aus größeren Höhen geben, die in die Stadt hineinströmt.

Fehlender Kaltluft-Zufluss

Allerdings liegt Friedrichshafen auf dem trockenen Grund des eiszeitlichen Bodensees: in einer flachen Niederung. Anders als Markdorf oder Tettnang ist Friedrichshafen nicht von größeren Höhen umgeben, aus denen Kaltluft in die Stadt fließen kann. Im Seewald und im Riedlepark herrschen zwar niedrigere Temperaturen, aber auch diese Waldgebiete liegen auf flachen Grund, der die Kaltluft nicht in die Stadt weiterträgt. „Von dieser kühlen Luft der Wälder profitiert nur die unmittelbare Nachbarschaft“, so Stottele. Die einzigen Bereiche, in denen Friedrichshafen in heißen Nächten von kalter Luft durchzogen ist, ist entlang der Rotach sowie in der Fischbacher Senke. Dann sind da noch die von Bächen durchflossenen Zonen rund um Raderach, Schnetzenhausen und Jettenhausen.

Tropische Nächte wird Friedrichshafen künftig öfter erleben, sagte Stottele voraus. Wenn die Entwicklung so weiter geht, werde sich ihre Zahl verdoppeln. Im Extremfall könne das bedeuten, dass den Häflern in den Monaten Juni und Juli jede dritte Nacht tropische Temperaturen bevorstehen. Die Konsequenz wären dauerhaft aufgeheizte Wohnungen. Daher müsse sich die Stadt zum einen darauf vorbereiten und zum anderen alles daran setzen, das Klima nicht noch weiter aufzuheizen.

Eben darauf zielen nun die ISEK-Leitprojekte. Die Häfler sind aufgerufen, sich mit guten Projektideen in die ISEK-Leitprojekte einzubringen. Das Projekt Klimastadt zielt auf ein Zusammenwirken von Bürgern mit der Politik. Eine Stadtklima-Analyse, die noch in diesem Herbst erstellt wird, soll genauere Erkenntnisse über die Wärmebelastung in den einzelnen Stadtteilen geben. Im Dezember 2018 soll sie im Ausschuss für Umwelt und Nachhaltigkeit vorgestellt werden. Hierzu wird im Januar 2019 eine Online-Bürgerbefragung folgen. Aus diesen Rückmeldungen und der Expertise der Fachleute werden dann Handlungsempfehlungen formuliert. Sie sollen voraussichtlich im März 2019 mit dem Gemeinderat diskutiert werden, mit dem Ziel eines verbindlichen Aktionsprogramms.

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