Am Freitag, 9. November, jährt sich zum 80. Mal die Reichspogromnacht. Die katholische und die evangelische Gesamtkirchengemeinde sowie die Baptistengemeinde Friedrichshafen gedenken des Ereignisses mit einem Gottesdienst in der Schlosskirche.

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen und die von Juden betriebenen Geschäfte. „Die Erinnerung daran ist für die evangelische und die katholische Kirche kein Ruhmesblatt. Sie haben kein öffentliches Wort des Protestes zustande gekriegt“, sagt Gottfried Claß, Codekan der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen. Der katholische Dekan Bernd Herbinger schlägt die Brücke ins Heute: „In vielen moderaten Ländern kommt der Antisemitismus wieder auf.“ Um der Anfälligkeit gegen faschistisches Denken vorzubeugen, muss man seine Konsequenzen in den Blick nehmen: Mit der Reichspogromnacht begannen die Nationalsozialisten offen mit der Auslöschung des jüdischen Volkes. Um zu begreifen, was das heißt, reicht es nicht, die „Reichskristallnacht“, wie sie im Volksmund genannt wurde, nur als Datum im Kopf zu tragen. Man muss in einem umfassenden Sinne verstehen, was sie für die Ausgegrenzten und Verfolgten bedeutete. Deshalb wird eine Studentin der Zeppelin-Universität beim ökumenischen Gedenkgottesdienst die Erinnerungen eines Zeitzeugen lesen, der das Pogrom als Jugendlicher erlebt hat. Ob auch eine Jüdin aus der Region am Gedenkgottesdienst mitwirken wird, ist laut Gottfried Claß noch offen: „Man braucht heute wieder Mut, um sich als Jude zu erkennen zu geben. Allein das sagt schon viel über das gegenwärtige Klima aus.“

Zeichen gegen Antisemitismus

Gottfried Claß wird die Predigt halten. Die lange Geschichte, die der Antisemitismus im Christentum hat, bedenkt er dabei mit. „Ich möchte daran erinnern, wie eng Christentum und Judentum theologisch zusammengehören“, erklärt Class, der selbst in Israel studierte. Das soll sich auch in der Liturgie niederschlagen: „Wir singen Lieder mit jüdischer Tradition. Davon gibt es einige sehr schöne im Gesangbuch.“ Auch wenn Gottfried Claß nicht direkt politisch predigen wird, lässt er an seiner Intention keinen Zweifel: „Die Kirchen müssen unbedingt mithelfen, diese Erinnerungskultur wach zu halten, zumal in vielerlei Hinsicht ein Rollback droht“, meint er auch mit Blick auf wachsenden Fremden- und Judenhass. Für ihn ist der Gottesdienst zugleich eine Bitte an die Besucher, Verantwortung für die Demokratie und eine tolerante Gesellschaft zu übernehmen.

In Friedrichshafen blieb es am Datum der Reichspogromnacht ruhig. Stadtarchivar Jürgen Oellers sind keine Ausschreitungen bekannt – es fehlte schlichtweg an geeigneten Zielen. „Es existierte in Friedrichshafen weder eine jüdische Gemeinde noch eine Synagoge.“

Hetzerischer Vortrag gegen Juden

„Bereits 1430 wurden die Juden aus der damaligen Reichsstadt Buchhorn ausgewiesen“, erzählt Oellers. „Danach gab es hier keine große jüdische Ansiedlung mehr.“ Der Antisemitismus wurde trotzdem geschürt: Am 15. November, wenige Tage nach der Pogromnacht, hielt ein Oberlehrer aus Ravensburg namens Gruhler in Friedrichshafen einen hetzerischen Vortrag gegen die „Bevölkerung der Juden“. Zudem erschien im Seeblatt eine mehrteilige Artikelreihe über die Geschichte der Juden – oder was dafür ausgegeben wurde. „Das war ziemlich unzusammenhängendes antisemitisches Zeug“, sagt Jürgen Oellers.

Fischbacherin im KZ ermordet

Zwar gab es in Friedrichshafen weder eine jüdische Gemeinde noch ganze jüdische Familien, aber vereinzelt jüdische Bürger – darunter Elsa Hammer aus Fischbach. Bei der Reichspogromnacht blieb sie unbehelligt, wohl auch weil ihr Ehemann, Oberingenieur Karl Hammer, bei Dornier in hoher Verantwortlichkeit stand und sich daher niemand an sie herantraute, wie Jürgen Oellers vermutet. Aber als Karl Hammer am 21. Juni 1943 starb, war es damit vorbei: Schon bald heftete der SS-Mann Hubert Jeuck an die Gartentür der Hammers einen gelben Stern, so Oellers. Eines Tages, erinnerte sich eine Augenzeugin, holten vier SA- oder SS-Leute Elsa Hammer ab. Sie wurde ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 24. September 1943 mit Giftgas ermordet. Sie wurde 58 Jahre alt.

Mögliche weitere Opfer

Seit September 2013 erinnert vor dem ehemaligen Wohnsitz von Elsa Hammer in der heutigen Zeppelinstraße 275 ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig an die Ermordete. Heute existiert das Haus nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich nun die Neuapostolische Kirche. Über Fälle von Raub an jüdischem Eigentum in Friedrichshafen, besonders die Enteignung von Immobilien und Grundstücken, ist Stadtarchivar Oellers nichts bekannt. Das Haus von Elsa Hammer etwa ging an ihre Pflegetochter über, wurde dann aber im Krieg zerstört.

Gab es noch ein weiteres jüdisches Opfer aus Friedrichshafen? Jürgen Oellers stieß in den Daten der internationalen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem auf den Namen von Lilly Meyer, geborene Wittkower. Demnach wurde sie 1893 in Friedrichshafen geboren und fiel dem Holocaust zum Opfer. Im Friedrichshafener Geburtenregister tauche der Name aber nicht auf, sagt Oellers. Auch im Adressverzeichnis finde sich kein Hinweis auf den Namen Wittkower. Damit bleibt die Herkunft von Lilly Witkower fraglich.

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Auswendig lernen war gestern. Aktives Lernen bringt deutlich mehr – da sind sich Lehrer und Pädagogen einig. In Laupheim verbinden die Schüler des Carl-Lämmle-Gymnasiums jetzt Kunstunterricht mit Geschichte und Religion.
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