Mit einer erfrischenden Nussknacker-Aufführung begeisterte das Russische Klassische Staatsballett die Besucher im GZH. Im Vorder
Mit einer erfrischenden Nussknacker-Aufführung begeisterte das Russische Klassische Staatsballett die Besucher im GZH. Im Vordergrund Primaballerina Ekaterina Baibaeva in der Rolle der Marie. (Foto: Brigitte Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Friedrichshafen - Die Weihnachtszeit und Nussknacker gehören irgendwie zusammen. Eine gute Tradition ist auch, dass das getanzte Märchen von Tschaikowsky im Graf-Zeppelin-Haus von einem der großen russischen Ballettensembles präsentiert wird. Opulenz wird ihnen in der Regel nachgesagt, die klassische Interpretation der Tanzkunst, auch der übergroße Hang zur Konvention und zum Traditionalistischen. Auch wenn die inflationär gebrauchten Beiworte „Russisch“, „Klassisch“, „National“ oder „Staats“ doch recht verwirrend sind, kann sich der geneigte Ballettfreund innerlich zurücklehnen und die hohe Schule russischer Ballettkunst genießen und sicher sein, dass nichts Überraschendes passiert.

In dieser Hinsicht präsentierte sich das „Russische Klassische Staatsballett“ – nicht zu verwechseln übrigens mit dem „Russischen Nationalballett“ oder dem „Staatlichen Russischen Ballett Moskau“, das vor nicht allzu langer Zeit noch „Russisches Staatsballett“ hieß – mit seiner Interpretation des Weihnachts-Evergreens durchaus erfrischend anders.

Bühnenbild an Schlichtheit nicht zu toppen

Das Bühnenbild ist an Schlichtheit und Einfachheit nicht zu toppen: Ein Vorhang, der zum Wohnzimmer im Hause des Medizinalrats Stallbaum oder später zum verschneiten Winterwald wird – und sonst nichts. Kein entscheidender Nachteil, wie sich im weiteren Verlauf des Abends schnell herausstellt. Die Kostüme sind gefällig, aber schlicht. Nichts optisch Überladenes, kein überflüssiges Schmalz, sodass sich das Auge des Betrachters auf das Wesentliche konzentrieren kann. Im Corps de Ballet sieht man viele Nachwuchskräfte und jugendliche Eleven. Aber was wäre schon ein Weihnachtsabend ohne Kinder, die sich im Wohnzimmer tummeln und die Bescherung nicht abwarten können.

Wie „Onkel Drosselmeier“ so manche Geschenküberraschung aus dem Ärmel zu ziehen weiß, versteht es Konstantin Iwanow als künstlerischer Leiter und Choreograph, viele kleine, aber sehr pointierte Akzente zu setzen. Dazu gehört zum Beispiel der gelungene Einfall, die Protagonisten der kurzweiligen Divertissements des zweiten Akts schon viel früher auf die Bühne zu bitten, um etwa dem anmutigen Tanz der Schneeflocken oder später der Interpretation des Blumenwalzers Individualität und ganz eigenen Charme einzuhauchen. Auch wenn das Zinnsoldatenheer recht jugendlich daherkommt, so lässt sein Kampf gegen die Mäuse nichts an der gewünschten Dynamik und dramatische Dichte vermissen.

Die Verbeugung vor dem klassischen Spitzentanz bleibt natürlich konsequent. Immer wieder ist es die kaum begreifbare Leichtigkeit der Bewegung, die schiere Schwerelosigkeit der körperlichen Hülle, die das Auge des geneigten Betrachters umschmeichelt. Dmitirij Arbuzov scheint als omnipräsenter Onkel Drosselmeier alle Fäden in der Hand zu haben. Stanislav Alexandrov füllt seine Rolle als Nussknackerpuppe mit mechanischem Ausdruck und dennoch mit immanenter Energie aus. Über allem aber strahlt Ekaterina Baibaeva als filigrane und fast zerbrechlich erscheinende Marie, die mit ihrer mädchenhaften Ausstrahlung und dem ästhetischen tänzerischen Ausdruck einer Primaballerina zu begeistern weiß. Artem Vedenkin gibt einen heldenhaften und sprunggewaltigen Prinzen, der vor jugendlichem Elan nur so zu strotzen scheint. Ein harmonisches und strahlendes Traumpaar, das vor allem auch im berauschend schönen und von puristischer Klarheit geprägten Finale überzeugen kann. Marie erwacht aus ihrem Traum. Vor ihr steht nicht – wie gewohnt – der geheilte und funktionstüchtige Nussknacker, sondern der liebende Prinz, der um ihre Hand anhält. Auch eine angenehme Überraschung.

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