Paul Russmann, Harald Hellstern, Susanne Hellstern und Werner Langenbacher (von links) sind die Organisatoren des Friedensschif
Paul Russmann, Harald Hellstern, Susanne Hellstern und Werner Langenbacher (von links) sind die Organisatoren des Friedensschif (Foto: Anton Fuchsloch)
Anton Fuchsloch

Am 28. Juni, dem 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo (siehe Blickkasten), sticht zum ersten Mal das Friedensschiff von Friedrichshafen aus in See. Unter dem Motto „Frieden schaffen statt Waffen“ wollen kirchliche Friedensorganisationen ein Zeichen gegen Rüstungsexporte - auch und gerade aus dem Bodenseeraum setzen.

„Wir können doch nicht Kriege beklagen, die wir mit unseren Waffen erst möglich machen.“ Der Appell der früheren Bischöfin Margot Käßmann passe gut in eine Landschaft, die an Idylle und Erholungswert nichts zu wünschen übrig lasse, die aber gleichzeitig viel Rüstungsindustrie besitze, sagte Paul Russmann, Sprecher der „Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel“, gestern bei der Pressekonferenz im Haus der kirchlichen Dienste.

Am Samstag, 28. Juni, findet um 11.25 Uhr zunächst eine öffentliche Kundgebung auf dem Buchhornplatz statt. Anschließend geht es im Demonstrationszug vor die Werkstore von Rolls Royce Power Systems (MTU). Die rund 200 angemeldeten Teilnehmer besteigen anschließend das Motorschiff Lindau, um nach Bad Schachen zu dem Friedensmuseum in der Villa Lindenhof zu fahren.

Protest und Gedenken

Die Kundgebung mit besinnlichen Elementen soll nicht nur Protest sein. Die Teilnehmer aus baden-Württemberg, Österreich und der Schweiz wollen auch der Millionen getöteter Menschen der beiden Weltkriege gedenken. Angesichts des Umstandes, dass Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur nach wie vor auf Konfliklösungen mit Waffen setze, gelte es, den Opfern eine Stimme zu geben, sagte Russmann. „Unsere Wirtschaft verdient daran, die Banken finanzieren und die Politik beschließt hinter verschlossenen Türen Waffenproduktion und Rüstungsexport“, so Russmann. Der Sprecher von „Aktion Aufschrei“ sieht Papst Franzsikus auf seiner Seite, der eindeutig und mit drastischen Worten - er spricht von „Händler des Todes“ - gegen Rüstungskonzerne und ihre Auftraggeber Stellung beziehe.

Nicht ganz so hart will Werner Langenbacher mit den Rüstungsproduzenten ins Gericht gehen. Man dürfe Mitarbeiter, die in solchen Betrieben tätig sind, nicht stigmatisieren, sagt der katholische Betriebsseelsorger. Wer wisse, dass seine Produkte zur Tötung von Menschen eingesetzt werden, stehe in einem ethisch-moralischen Spagat. Langenbacher sieht nicht in erster Linie Arbeitnehmer, sondern Politik und Management in der Pflicht. Angesichts dessen, dass es den Betrieben wirtschaftlich gut gehe, wäre der Zeitpunkt gekommen, über Konversion, da heißt, den Umstieg von militärischer in rein zivile Produktion, nachzudenken.

Um das „Aufstehen für das Leben“ geht es Diözesanrat Harald Hellstern. Rüstungshandel diene nicht dem Frieden, sondern fördere Gewalt. Kein Verständnis hat er für Politiker, die Panzer an Saudi Arabien oder Katar, wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, liefern lassen wollen. Die Kirchen fordern von der Politik eine Kehrtwende, indem sie ihre eigenen Grunsätze endlich ernst nimmt und nicht Lobbyisten folgt, indem sie den Export von Klein- und Leichtwaffen stoppt und es nicht zulässt, dass Rüstungsexporte mit Steuergelder abgesichert werden.

Sarajevo, Friedrichshafen und die Weltkriege

Am 28. Juni 1914 wurde Erzherzog Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie in Sarajevo ermordet. Das Attentat war Auslöser für den Ersten Weltkrieg, der einen Monat später mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann. Dieser Krieg brachte unsägliches Leid über Europa, schürte Hass zwischen Nationalitäten und forderte 17 Millionen Menschenleben. Er war Nährboden für Faschismus und Nationalismus, der die Welt in eine noch größere Katastrophe stürzte. Mehr als 60 Millionen Menschenleben forderte der Zweite Weltkrieg. Friedrichshafen war in beiden Kriegen eine Rüstungsmetropole: Zeppelin, Maybach, ZF produzierten fürs Militär. Seit 1972 sind Friedrichshafen und Sarajevo Partnerstädte.

Samstag, 28. Juni, 11.20 Uhr, Kundgebung mit Oberkirchenrätin Karen Hinrichs auf dem Buchhornplatz. Fünf vor Zwölf läuten die Glocken von St. Nikolaus. Dann startet die Demonstration zu Rolls Royce Power Systems. Auf dem Rückweg macht der Zug Halt am Franziskusplatz, wo Jesaja 2,2 (Schwerter zu Pflugscharen) gelesen wird und Johannes Warmbrunn vom Diözesanrat spricht. Auf dem Schiff gibt es Informationen über Rüstungsbetriebe am Bodensee, und es wird ein ökumenische Gottesdienst gefeiert.

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