Freundeskreis sammelt für Polozker Tschernobylfamilien

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Freundeskreis sammelt für Polozker Tschernobylfamilien
Freundeskreis sammelt für Polozker Tschernobylfamilien

24 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl veranstaltet der Freundeskreis Polozk heute Vormittag eine Straßensammlung zu Gunsten der Tschernobylfamilien in Polozk. „Es mag manchem unverständlich erscheinen, dass nach so langer Zeit noch Hilfsmaßnahmen notwendig sind“, schreibt der Freundeskreis. Sie seien es aber.

Die Folgen des Atomunglücks von 1986 seien aber heute noch dramatisch. In Polozk, der belarussischen Partnerstadt von Friedrichshafen, wurden im Jahr 2009 offiziell 87 Kinder registriert, deren Eltern Liquidatoren, Umsiedler oder als Opfer mit einer Krebserkrankung anerkannt sind, teilt der Freundeskreis Polozk mit. Wie weitreichend die Folgen des Super-GAU sind, schildert der Verein am Beispiel der weißrussischen Ärztin Galina:

Im Schicksalsjahr 1986 hatte die Frau gerade ihre Ausbildung zur Fachärztin für Endokrinologie abgeschlossen und wurde im August zum dreijährigen Dienst an ein Krankenhaus in Tschetschersk, 60 Kilometer von Tschernobyl entfernt, entsandt. Wie die vielen anderen jungen Kollegen auch machte die junge Ärztin sich keine Sorgen wegen der Nähe des havarierten Kernkraftwerks. Die Krankenhäuser im Umkreis des Kernkraftwerks waren besser ausgestattet als üblich, und eine um 30 Prozent höhere Bezahlung hatte auch ihren Reiz.

Zur Behandlung von Schilddrüsen- und Krebserkrankungen war Galina ausgebildet. Der dramatische Anstieg dieser Diagnosen vor Ort war bei ihrer Arbeit ablesbar. Bedenken hatte sie keine, auch wenn sie aufs Land gehen und dort Menschen behandeln musste. 1990 hatte sich ihre Schilddrüse vergrößert, ein Anlass, nun zu den Eltern in die Nähe von Polozk zu ziehen. Eine erste Beziehung zerbrach, als der Mann erfuhr, wo sie gearbeitet hatte und befürchtete, keine gesunden Kinder zu bekommen.

Ihr Sohn hat Marfan-Syndrom

Galina ist heute verheiratet und hat zwei Söhne, die 16 und acht Jahre alt sind. Der ältere Sohn sei ein wenig infektanfälliger als die meisten Kinder, erzählt Galina. Beim jüngeren jedoch verschlechterte sich ab dem zweiten Lebensjahr drastisch das Sehvermögen. Seine Aorta erweiterte sich. Er wächst schneller als andere Kinder. Diagnose: Marfan-Syndrom. Marfan wird ausgelöst durch eine Genmutation und ist erblich. Da in Galinas Familie bis dahin die Krankheit noch nicht aufgetreten war, liegt die Vermutung auf der Hand, dass die Genveränderung durch die radioaktiven Einflüsse bedingt ist, so der Freundeskreis.

Der Freundeskreis unterstützt seit vielen Jahren die Tschernobylfamilien mit Sachspenden, auch Vitamintabletten, und ermöglicht den Familien bessere medizinische Maßnahmen, als sie der Staat Belarus gewährleistet. Er vermittelt Patenschaften zu den Familien und unterstützt die Arbeit des Tschernobylvereins in Polozk. (sz)

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