Die Ausstellung „Johannes Brus: Frühe Fotoarbeiten“ ist bis 28. Juli in der Galerie Lutze, Zeppelinstraße 7, in Friedrichshafen zu sehen. Geöffnet ist sie Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr.

Einklappen  Ausklappen 

Johannes Brus hat seine Fotografien geschändet. „Fotos auseinanderschneiden, Schnipsel verlieren und wieder zusammenkleben, Federn und Lack verarbeiten darauf. Kindern Negative zum Spielen geben. Vielleicht eignet sich Urin vorzüglich als Fixierer.“ So beschrieb er seine Arbeitsweise. Dem ordentlichen Foto-Profi sollten die Haare zu Berge stehen, denn Brus wollte „Fotos so lange misshandeln, bis auch der letzte Rest von Sonntagsanzug-Hochglanzabzug raus ist“. Fotografie wurde damals, in den 1970er Jahren, noch nicht als Kunstform angesehen. Aber für Brus war dies der Weg, sie dazu zu machen – indem er Fotografie von ihrem konventionellen Charakter als abbildendes Medium löste. Freilich stand er dabei nicht nur quer zu den Tendenzen der Zeit. Die Kunstwelt war im Aufbruch begriffen: Die Strömung Fluxus erklärte, dass nicht das Kunstwerk zähle, sondern die schöpferische Idee. Und Joseph Beuys sorgte mit seinem erweiterten Kunstbegriff für Aufruhr an der Düsseldorfer Akademie, an der auch Brus studierte.

Doch allein der radikale Wille zum Experiment hätte nicht ausgereicht, um den Häfler Galeristen Bernd Lutze auf Brus aufmerksam zu machen. „Ich interessiere mich normalerweise nicht für Fotografie“, sagt er. „Aber das wirkte wie Malerei.“ Schon 1980 stellte er Brus erstmals aus, und die Magie dieser Bilder wirkt bis heute. Das belegt die aktuelle Ausstellung mit Arbeiten aus den Jahren 1971 bis 1988: Ein riesiger Rabe vor braunem Hintergrund; wie aquarelliert wirkende Pferde; ein röhrender Hirsch, der auf unruhig gewischtem Untergrund eine antike Säule umzustoßen scheint – das alles soll nicht mit Farbe gemalt sein, sondern nur mit Licht? Ganz so einfach ist es nicht. Brus setzt etwa die Mehrfachbelichtung ein. Und so kauert eine menschliche Figur inmitten eines riesigen Adlers. Überhaupt sind Tiere, insbesondere große Tiere mit einer starken plastischen Präsenz, ein immer wiederkehrendes Bildmotiv – denn Brus kam als Bildhauer zur Fotografie. Fotos waren für ihn anfangs nur ein Hilfsmittel, um Konstellationen von Gegenständen zu erproben, die er als Plastiken kombinieren wollte. Die Ausstellung zeigt Beispiele aus dieser Frühzeit: Gurken, Flaschen und Teller auf Tischen. Sie ergeben kein gewöhnliches Stillleben, denn die Gurken scheinen auf magische Weise zu schweben. „Wie er das gemacht hat, weiß kein Mensch“, sagt Lutze. Er sieht in einem solchen Bild auch einen Verbindung zu Brus’ Interesse an paranormalen Phänomenen.

Brus zieht seine ohnehin malerisch wirkenden Fotos schon mal auf mit Leinwand bespannte Keilrahmen auf. So steigert er die malerische Anmutung noch weiter. Manche Aufnahme hat Brus tatsächlich mit Lack überarbeitet. Etwa jene Fotografie eines ausgebreiteten Tischtuchs, auf dem sich Farbflecken tummeln. Sie fügen sich zur knienden, zerfließenden menschlichen Figur, die einen dramatischen Kampf mit sich selbst austrägt, wie in der Malerei von Francis Bacon.

Solche nachträglichen Bearbeitungen machen aber nicht das Innerste von Brus’ Arbeitstechnik aus. Auf seinen eigentlich schwarzweißen Fotografen bewirkt er die wie mit dem Pinsel aufgetragene Farbigkeit auf andere Weise: Er schüttet Chemikalien aufs Fotopapier, verwischt sie oder lässt sie verlaufen; so kommt es zu den verschiedenartigsten Verfärbungen und auch zu Formen, die gegenstandslos wirken. Anstatt ein Foto also durch zusätzliche Aufmalungen zu verändern, bilden Motiv und Bearbeitung im Fotopapier selbst eine Einheit. Wenn schließlich Negative zerkratzt werden, wird die Bearbeitung noch weiter vorgelagert, verschmilzt noch enger mit dem Fotomotiv.

Aber warum diese Manipulationen? Weil ihn, schreibt Brus, die „statische Penetranz“ der Fotos störte, „mit der sie Wirklichkeit vorführen, als sei sie ewig so und nicht anders“. Letztlich spiegelt seine Kunst so den Glauben an die Veränderbarkeit der Welt.

Die Ausstellung „Johannes Brus: Frühe Fotoarbeiten“ ist bis 28. Juli in der Galerie Lutze, Zeppelinstraße 7, in Friedrichshafen zu sehen. Geöffnet ist sie Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr.

Die Ausstellung „Johannes Brus: Frühe Fotoarbeiten“ ist bis 28. Juli in der Galerie Lutze, Zeppelinstraße 7, in Friedrichshafen zu sehen. Geöffnet ist sie Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr.

Einklappen  Ausklappen 
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen