Forschungsprojekt geht Unterwasserwelt auf den Grund: „Tiefenschärfe“ erkundet den Seeboden

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Stolz auf das neue Fächerecholot am Bug der "Kormoran" (von links): "Tiefenschärfe"-Projektleiter Martin Wessels und Heinz Gerd (Foto: Alexander Mayer)
Schwäbische Zeitung
Alexander Mayer

Die Internationale Gewässerschutzkommission lässt das „Schwäbische Meer“ neu vermessen und kartieren. Das grenzüberschreitende, von der EU-geförderte Projekt „Tiefenschärfe –hochauflösende Vermessung Bodensee“, soll bis Mitte 2014 ein detailgenaues Modell des Seebodens liefern. Schon kurz nach dem Projektstart ist Euphorie ständiger Begleiter von Wissenschaftlern. Sie erhoffen sich vom Projekt einen wichtigen Beitrag für den Gewässerschutz am drittgrößten Binnensee Mitteleuropas.

Bei dem 612 000 Euro teuren Projekt geht es grundsätzlich um Gewässerschutz. Und „schützen kann man nur das, was man wirklich kennt“, sagt Heinz Gerd Schröder, Leiter des Instituts für Seenforschung Langenargen (ISF). Es koordiniert „Tiefenschärfe“, steuert letztendlich die „Kormoran“ bei – ein hochmodernes Forschungsschiff, ausgerüstet nun auch mit einem Fächerecholot. Dieses tastet den „fluffigen“, sandig-schlammigen Grund des Bodensees flächendeckend ab, ermöglicht erstmals ein hochauflösendes dreidimensionales Geländemodell des bis zu 256 Meter tiefen Gewässers im Dreiländereck. Parallel dazu werden aus der Luft die flachen Uferzonen mit einem lasergestützten Messverfahren aufgezeichnet. „Besonders innovativ ist die Kombination der Messeverfahren vom Wasser und aus der Luft“, meint „Tiefenschärfe“-Projektleiter Martin Wessels und Wissenschaftler im Langenargener Seenforschungsinstitut. Und, „unterm Strich bekommen wir dabei eine Datendichte, die hundert- bis tausendfach höher ist als beim letzten Aufmaß“. Für Wessels denn keine Frage: „Damit leistet Tiefenschärfe einen wichtigen Beitrag für einen effektiven Gewässerschutz.“

Ziel des Projekts ist, so Martin Wessels am Dienstag während einer Medienausfahrt auf der „Kormoran“, „Wissenschaft wie Wasserwirtschaft präzise Grundlagendaten zur Verfügung zu stellen.“ Konkret, die neuen Daten sollen bei der Planung und Beurteilung von neuen Steganlagen, Verlegung von Versorgungsleitungen oder Einleitungen in den See helfen. Nach Einschätzung von Wessels ist das Wissen über Details des Seebodens aber genauso für die Archäologie und den Naturschutz sowie die Schifffahrt und den Tourismus von „hoher Bedeutung.“ Der ISF-Projektleiter ist sich dessen bewusst, dass die Seebodenerkundung auch Daten liefert, die „sensiblen Charakter“ haben. Auf dem Seegrund liegen beispielsweise Schiffswracks. Historische wie solche nach jüngeren Schiffsunfällen. „Solche Infos geben wir nicht weiter“, bekundet Institutsleiter Schröder. „Damit dieser oder jener Hobbytaucher nicht auf dumme Gedanken kommt.“ Tabu sind übrigens auch die Entnahmestellen der Trinkwasserversorgung. Schon registrierte Giftanschläge aufs Trinkwasser lassen grüßen.

Was derzeit am Bodensee passiert und nach dem Projektbeginn Anfang April schon zu 54 Prozent abgeschlossen ist, ist die dritte Untersuchung ihrer Art am See. Den Anfang machte Eberhard von Zeppelin im Jahre 1893 mit Schweizer Lotapparaten. „Seitdem haben die Wissenschaftler ein ganz gutes Bild von der Unterwasserwelt“, weiß IFS-Chef Schröder. Weitaus detaillierter sei der See von 1986 bis 1990 erkundet worden. Damals wurden im Auftrag der Internationalen Gewässerschutzkommission Echolotmessungen im Abstand von etwa 200 Metern aufgenommen.

Mit fortschreitender Messtechnik haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Ähnlich wie das hochauflösende digitale Fernsehen eröffnet das Fächerecholot neue Dimensionen. Mehrere hundert Schallsignale in einem breiten Fächer werden vom Seeboden reflektiert und vom Computer zu einem hochauflösenden dreidimensionalen Bild der Unterwasserlandschaft zusammengeführt. „So erfahren wir ungeheure Details, von denen wir bislang nur träumen konnten“, schwärmt Wissenschaftler Martin Wessels. Auf ersten Aufnahmen sieht man mäandrierende, strömungsführende Rinnen, da erscheinen Hangabbrüche und selbst Orte, wo am Seeboden Gas ausströmt, bleiben den Wissenschaftler nicht mehr verborgen. Martin Wessels: „Die neuen Einblicke sind faszinierend. Es ist so, als würde man als Kurzsichtiger eine Brille aufsetzen.“

Näheres gibt’s auch online unter www.tiefenschaerfe-bodensee.info.

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