Nichts ist mehr wie zuvor (von links) Anwältin Jory (Larissa Aimée Breidbach) und ihr Mann Isaac (Raiko Küster), Anwalt Amir (Ah
Nichts ist mehr wie zuvor (von links) Anwältin Jory (Larissa Aimée Breidbach) und ihr Mann Isaac (Raiko Küster), Anwalt Amir (Ahmad Mesgarha) und seine Frau Emily (Christine Hoppe). (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Mit dem Schauspiel „Geächtet“ („Disgraced“) von Ayad Akhtar, einem amerikanischen Autor mit pakistanischen Wurzeln, hat das Staatsschauspiel Dresden am Dienstagabend aktuelles politisches Theater ins Graf-Zeppelin-Haus gebracht. Thema waren die Probleme eines Mannes, der aus Karrieregründen seine wahre Identität verleugnet, sein Wesen aber nicht ändert und an diesem Widerspruch scheitert, Thema ist auch seine Unmöglichkeit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit Andersdenkenden.

Vor Jahren führte die französische Autorin Yasmina Reza in ihrer auf den Punkt gebrachten Technik vor, wie man Spannung aufbaut, die Handlung zur Katastrophe führt, eine Läuterung möglich sein lässt. Ihre Stücke „Der Gott des Gemetzels“ und „Kunst“ sind bis heute Beispiele für eine hervorragende Dramatik.

In Akhtars Stück – 2013 mit dem Pulitzer Preis für Drama ausgezeichnet und 2016 von „Theater heute“ zum ausländischen Stück des Jahres gewählt – dauert es lang, bis die Exposition geleistet ist. Erschwerend kommt hinzu, dass in dieser Aufführung unter der Regie von Nicolai Sykosch die Spieler zwar hervorragend agieren, aber zu schnell sprechen und – ungewöhnlich bei Sprechtheater-Gastspielen – mit Mikros am Bühnenrand arbeiten. Das lässt die Sprache über weite Strecken verschmiert, verwaschen erscheinen, was die Befragung einiger Besucher bestätigte. Wenn das Zuhören zu anstrengend wird, verliert man die Lust, der Konversation zu folgen.

Großartig ist die fast barocke „Fallhöhe“. Der Protagonist, Wirtschaftsanwalt in New York mit pakistanischen Wurzeln (Ahmad Mesgarha), verdient anfangs eine sechsstellige Summe im Jahr, am Ende hat er Job und Frau verloren, steht allein in ihrem ausgeräumten Atelier. Amir Kapoor ist trotz der Abwendung vom muslimischen Glauben seiner Eltern im Herzen Moslem geblieben, hat seine Herkunft geschönt. Wohl ein exzellenter Anwalt und zugleich ein Mann, dem man nicht trauen kann, seine Frau Emily (Christine Hoppe) dagegen eine aufsteigende, möglicherweise vor dem Durchbruch stehende Künstlerin – Gegensätze auch hier. Dazu kommt ein befreundetes Ehepaar: seine Kollegin Jory (Larissa Aimée Breidbach) mit ihrem jüdischen Mann Isaac, dem Kurator, der Emilys Kunst ausstellen will – Raiko Küster spielt dankenswerterweise trotz gebrochenem Fuß). Man trifft sich zum Feiern, doch mit steigendem Alkoholkonsum zerfällt die Fassade, überwunden geglaubte Vorurteile und Rassismus brechen auf, führen zur Katastrophe.

Eine Momentaufnahme aus den USA, seit Langem ein Schmelztiegel unterschiedlicher Ethnien und Kulturen. Ein Thema, das anderswo nicht minder aktuell ist und immer wieder zur Auseinandersetzung gereizt hat. Auch und gerade im Versuch, eine ernsthafte Problematik auf der Ebene eines gehobenen Boulevards anzudiskutieren.

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