Bereit zum Einsatz. Dazu kommt es aber nicht.
Familienvater droht mit Brandstiftung (Foto: Ralf Schäfer)
Schwäbische Zeitung

Geplante Umsiedlung geplatzt: Einen größeren Feuerwehr- und Polizeieinsatz in der Heinrich-Heine-Straße hat am Donnerstag die Weigerung einer Flüchtlingsfamilie ausgelöst, in eine andere Wohnung zu ziehen. Der Familienvater hatte damit gedroht, die Wohnung anzuzünden, wenn die Polizei die Türe gewaltsam öffne. Freunde dolmetschten und vermittelten erfolgreich.

Seit Monaten fordert die Stadtverwaltung die Familie mit zwei Kindern auf, die Wohnung zu wechseln. Sie war damals von der Stadtverwaltung in der Heinrich-Heine-Straße in einer 68 Quadratmeter-Wohnung untergebracht worden. Diese Wohnung wird von der Stadt jetzt aber für eine größere Familie benötigt, die noch in einer Gemeinschaftsunterkunft lebt. Seit Monaten reagiere die Familie auf keinerlei Aufforderungen, sagt Hans-Jörg Schraitle, Leiter des Amtes für Bürgerservice, Sicherheit und Umwelt (BSU).

Daher sollte die Umsiedlung in eine 52 Quadratmeter-Wohnung erfolgen, gegen die sich die Familie aber zur Wehr setzt. Ein befreundeter junger Mann fungiert als Dolmetscher, vermittelt am gekippten Badezimmerfenster und übersetzt: „Wenn die Polizei hier hereinkommt, mache ich Feuer in der Wohnung.“ Die Polizeibeamten reagieren sofort, rufen die Feuerwehr und Rettungswagen, evakuieren das Mehrfamilienhaus in der Heinrich-Heine-Straße.

Wenige Minuten später rückt die Feuerwehr mit 25 Einsatzkräften, der Drehleiter und einem Tanklöschfahrzeug an, die Johanniter begleiten den Notarzt. Die Feuerwehr verteilt sich auf zwei Seiten des Hauses und legt vorsichtshalber Schlauchleitungen. Feuerwehrkollegen stehen einsatzbereit in der Hitze im schweren Atemschutz.

Vor dem Haus auf der Straße sammeln sich immer mehr Menschen. An der Haustüre hat sich die Lage kaum geändert, als auch der Vorsitzende eines Kulturvereins, Alay Moryasi, kommt und bietet an zu vermitteln. Er ist aufgebracht, wütend und schimpft auf die Stadtverwaltung. Alay Moryasi wirft der Stadt Willkür vor: „Das alles wäre doch gar nicht nötig. Die Familie hat sich selbst um Wohnraum gekümmert, in den sie aber erst im August einziehen kann. Warum darf die Familie bis dahin nicht hier bleiben?“

Auf Seiten der Stadt stellt sich die Lage anders dar. Es gebe keinerlei Nachweis über eine eigene Wohnung in Form eines Mietvertrages. Statt dessen aber habe die Familie schon vor anderthalb Monaten über diese selbst gemietete Wohnung gesprochen. „Warum hat die Familie bisher noch keinen Mietvertrag gezeigt?“, fragt Hans-Jörg Schraitle. Er hatte an die Solidarität mit den anderen Flüchtlingen appelliert, die ebenfalls Wohnraum benötigen, wurde aber von dem Familienvater nicht gehört, nicht wahrgenommen.

Es geht um Möbel, die die Familie eigens für diese Wohnung in der Heinrich-Heine-Straße gekauft habe und die in die kleinere Wohnung nicht passen würden. Es geht um ein weiteres Abwarten von fünf Wochen. Die Polizei koordiniert derweil Evakuierung und riegelt das Treppenhaus ab. Wer nicht vermittelt, muss das Haus verlassen.

Eskalation geht weiter

Moryasi und Schraitle gehen noch einmal zur Wohnung, sprechen noch einmal mit dem Mann. Wütende Schreie sind zu hören. Dann wird des ruhig. Wenig später geht die Wohnungstüre auf, und der Mann kommt heraus. Er will mit dem BSU-Chef sprechen, der mittlerweile wieder auf dem Rasen vor dem Haus wartet. Die Lage scheint sich zu entspannen.

Als schließlich die Frau die Wohnung laut schreiend verlässt, ist der Familienvater nicht mehr zu halten. Er drängt auf die Haustüre zu, will zu seiner Frau und wird von der Polizei festgehalten. Mehrfach fordern die Beamten ihn auf, sich zu setzen, ruhig zu bleiben, an ihm prallt das alles ab. Begriffe wie „traumatisiert“ oder „Angst“ fallen im Umfeld. Wer diese Szenen beobachtet, kann die erneute Eskalation kaum nachvollziehen.

Schließlich verlassen auch die Kinder die Wohnung, weinen und rufen nach ihrem Vater. Alay Moryasi ist verärgert. Für ihn liegt die Verantwortung bei der Stadtverwaltung. Er betrachtet den Einzelfall und erzählt, dass Polizeibeamte die Frau aus der Wohnung gezerrt hätten, dass alle Knöpfe an ihrem Kleid abgerissen seien und sie barfuß auf die Straße geschickt worden sei. „Muss das sein?“, sagt er. Der Vater sei doch schon draußen gewesen.

Der steht vor dem Haus und will zu seinen Kindern. Die Polizei hält ihn weiter fest, mit einem kurzen Tritt eines Beamten in seine Kniekehle liegt er am Boden und bekommt Handschellen – vor den Augen der Kinder, die sofort zu schreien beginnen.

Noch wenige Tage Ramadan, danach findet ein Fest statt. „Warum achtet die Stadt auf so etwas nicht?“, fragt Moryasi. Die Familie wird dieses Fest wohl kaum genießen können. Die Polizei nimmt den Familienvater mit, er muss für den Einsatz aufkommen.

Die Frau und die Kinder kommen bei Nachbarn unter, sollen dann aber zusammen mit Flüchtlingsbetreuern die neue Wohnung aufsuchen. Als Vertreter der Stadtverwaltung der Familie die neuen Schlüssel übergeben wollen, stoßen sie auf Ablehnung. Die Familie will die Schlüssel nicht annehmen.

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