Digdem Akkus (Mitte) mit ihrer Tochter, ihrer Schwester Cigdem und ihrem Mann Muhammet Ali Akkus.
Digdem Akkus (Mitte) mit ihrer Tochter, ihrer Schwester Cigdem und ihrem Mann Muhammet Ali Akkus. (Foto: Rup)

Im April hat die Schwäbische Zeitung zuletzt über die Lage von Digdem Akkus und ihrer Familie berichtet. Damals stand die vollständig erblindete Frau, die zudem Diabetikerin und Dialyse-Patientin ist, vor großen Problemen: Ihr Mann ist tagsüber bei der Arbeit und aufgrund ihrer Erkrankungen kann sich Digdem Akkus nur begrenzt um sich selbst und ihre drei Kinder kümmern. Eines davon hat besonderen Förderbedarf, das jüngste ist vier Jahre alt. Jetzt hat die Familie eine neue Wohnung gefunden und bekommt zudem eine sogenannte Elternassistenz.

Digdem Akkus wurde im August 2017 die Haushaltshilfe gestrichen, die zuvor dreieinhalb Jahre lang vom Sozialamt bezahlt worden war. Seitdem versuchten sie und ihr Mann Mann Mohammet Ali, die Betreuung selbst zu organisieren und auch die Kosten dafür zu stemmen. Aber bis zu 800 Euro pro Monat nur für diesen Zweck, das sprengte den Finanzrahmen. Die Familie geriet immer tiefer in Schulden, und trotzdem blieb die Versorgung lückenhaft. Ihre beiden 14- und 15-jährigen Söhne gingen oft nicht zur Schule, um für ihre kleine Schwester und die Mutter da zu sein.

Inzwischen ist die zuletzt in Kluftern wohnende Familie innerhalb von Friedrichshafen umgezogen. Es ist ihr gelungen, eine behindertengerechte Wohnung zu finden – geräumig, schwellenfrei, mit einem breiten Flur, durch den ein Rollstuhl passt. Das Haus hat einen Aufzug und wurde erst vor wenigen Jahren gebaut. Der Umzug war wegen der Verletzungsgefahr für Digdem Akkus notwendig geworden. Am letzten Wohnort hatte sie sich an einer Schwelle den Fuß gebrochen. Da sie an Osteoporose leidet, war das eine komplizierte und langwierige Sache.

Dauerhaft in roten Zahlen

Allerdings ist die neue Wohnung kostspielig. Sie ist neun Meter größer als die bisherige, aber um 60 Prozent teurer. Die Kosten dafür trägt die Familie selbst – und lebt damit über ihre Verhältnisse. „Solange unsere Bank mitmacht, können wir die Miete zahlen“, sagt Digdem Akkus, denn der Schuldenstand steigt; auch wegen teilweise neuer Möbel, die im Zuge des Umzugs angeschafft wurden. „Die Küche fehlte in der neuen Wohnung komplett“, sagt Digdem Akkus. Zudem hat sich Mohammet Ali Akkus eine „Familienkutsche“ angeschafft und dafür einen Kredit aufgenommen. „Mit dem alten Auto sind wir mehrfach liegengeblieben. Die Reparaturen gingen ins Geld und mein Mann muss ja jeden Tag zur Arbeit fahren, außerhalb von Friedrichshafen“, sagt Digdem Akkus. Sie hat einen Schuldnerberater aufgesucht und erhofft sich von ihm eine Lösung.

Seit Juni gewährt das Sozialamt Digdem Akkus Elternassistenz: Von Montag bis Freitag ist jeweils sechs Stunden am Tag eine Betreuung anwesend. Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber der Situation, die ab August 2017 herrschte, als das Ehepaar die Hilfe selbst organisieren und bezahlen musste. Ab September 2018 hat ihre kleine Tochter zudem einen Kindergartenplatz. Das ist ein Grund zur Freude, aber auch ein Problem. Denn wenn das Kind dort erst betreut wird, sinkt die Präsenzzeit der Elternassistenz. Der Grund liegt in der Logik dieser Maßnahme: Elternassistenz bedeutet, dass Eltern mit Behinderung Hilfe bei der Betreuung ihrer Kinder erfahren. Wenn das Kind aber in den Kindergarten geht, besteht in dieser Zeit kein Betreuungsbedarf. Ab September gibt es deshalb nur noch vier Stunden Elternassistenz pro Tag. Das Problem dabei: Solange ihre Tochter im Kindergarten ist, ist Digdem Akkus bis zu sieben Stunden allein in der Wohnung. In der Zeit von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr kann das eine Haushaltshilfe auffangen, die Dienstag, Mittwoch und Freitag gewährt wird. „Aber sie soll auf zwei Tage gekürzt werden“, sagt Digdem Akkus. Weil ihr Mann arbeitet und ihre Söhne in der Schule sind, kommen also wieder Zeiten auf sie zu, in denen sie auf sich allein gestellt sein wird.

Die Söhne sind entlastet

Zusätzliche Hilfe erfährt Digdem Akkus aber durch ihre Schwester Cigdem. Sie ist mit ihren beiden Kindern unlängst von Belgien zurück nach Friedrichshafen gezogen. Vorübergehend lebt sie in der Wohnung des Vaters und ist für ihre Schwester da. Sie fährt Digdem Akkus zur Dialyse, kauft ein oder hilft im Haushalt – „was eben anfällt“. Cigdem wäre es lieb gewesen, wenn sie selbst vom Sozialamt als Elternassistenz für ihre Schwester und ihren Schwager eingesetzt worden wäre. „Aber Familienangehörige zählen nicht“, sagt sie. Verstehen kann sie das nicht. „Ich habe Antrag auf Sozialhilfe gestellt“, sagt sie. „Da könnte man mich stattdessen ebenso gut beschäftigen.“ Nach Auskunft von Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamts, sind bei der Elternassistenz die Mittel für Familienangehörige bis zum zweiten Grad generell eingeschränkt. „Das ist aus unserer Sicht durchaus sinnvoll, denn die staatlichen Sozialleistungen sollen ja nicht das soziale Miteinander in der Familie entlohnen, sondern denjenigen unter die Arme greifen, die sonst keine ausreichende Unterstützung erhalten können“, so Schwarz.

Dankbar ist Digdem Akkus für die freiwilligen Hilfen, die sie erfuhr. Die die Artikel in der Schwäbischen Zeitung wurden ehemalige Schulkameradinnen auf sie aufmerksam. Sie haben zusammengelegt und konnten der Familie vor ihrem Umzug 1400 Euro überreichen. Außerdem haben die Schulen ihrer Söhne die Kosten für Schullandheim-Aufenthalte übernommen. Für Digdem Akkus’ Söhne stellt der jetzt erreichte Zustand eine Erleichterung dar: Weil die Mutter betreut ist, gehen sie wieder regelmäßig zur Schule und können sich mit Freunden treffen. Wie sich die Dinge entwickeln, wenn die Betreuung ausgedünnt werden sollte, muss sich zeigen.

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