Erzieherin beklagt: „Unsere Ausbildung wird zunehmend entwertet“

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Angelika Christen hat in über 40 Jahren im Erzieherberuf schon einiges erlebt und gesehen.
Angelika Christen hat in über 40 Jahren im Erzieherberuf schon einiges erlebt und gesehen. (Foto: Sandra Philipp)
Sandra Philipp

Mit Leib und Seele hat Angelika Christen als Erzieherin gearbeitet. Sie blickt auf ein gut 40 Jahre währendes Erzieherleben zurück. Ende 2017 ging sie in den Ruhestand. Mit Sandra Philipp spricht sie über die Veränderungen und Herausforderungen des Berufs, der ihr Leben bereichert hat.

Warum ist es heute so schwer, qualifizierte Erzieher zu finden?

Mit Sicherheit spielt das Gehalt eine große Rolle. Wie bei allen klassischen Frauenberufen. Dabei ist das, was man in diesen Berufen bewirken kann, so wertvoll. Wir Erzieher begleiten unser wertvollstes Gut, die Kleinsten, auf ihrem Start ins Leben. Außerdem kann man sagen, dass an den Erzieher-Schulen versäumt wurde, rechtzeitig auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Damit meine ich das Anrecht jedes Kindes auf einen Kindergartenplatz, das gesetzlich seit August 2013 festgeschrieben ist.

Das heißt, Bezahlung und Verantwortung stehen in einem Missverhältnis?

Absolut! Ich persönlich habe aus dem Erzieherberuf immer einen Gewinn für mein Leben gezogen. Reich im materiellen Sinn geworden bin ich dabei nicht. Mir hat die Arbeit zumindest immer ein Glücksgefühl beschert.

Sie blicken auf ein langes Erzieherinnen-Leben. Was hat sich verändert?

Der Kindergarten hat durch den Ganztagesbetrieb und die Aufnahme der unter Dreijährigen einen vollkommen anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Und weil an den Erzieher-Schulen versäumt wurde, rechtzeitig auf diese Entwicklung zu reagieren, versucht man den vermehrten Bedarf an Fachpersonal durch kurze Ausbildungswege zu decken. Ein Mangel der sich schwer beheben lässt und eine Entwicklung die ich problematisch finde. Denn sind wir ehrlich: Es lassen sich in der Erzieherausbildung doch nicht in kurzer Zeit die Inhalte vermitteln, die wir auf dem klassischen Ausbildungsweg in vier Jahren lernen. Damit wird die eigentliche Ausbildung entwertet.

Was bedeutet das für den Kindergarten-Alltag?

Das heißt, dass jemand, mit einer nicht gerade umfassenden Ausbildung, eine Gruppenleitung übernimmt. Ich finde das schwierig. Sieht man das im Vergleich: In meiner vierjährigen Ausbildungszeit in Graz erlernten wir zwei Musikinstrumente, bekamen eine fundierte Rhythmik-Ausbildung, lernten Lieder und Geschichten auswendig, um sie spontan einsetzen zu können. Dieses fundierte Handwerkzeug lässt sich meiner Meinung nach nicht in kürzester Zeit vermitteln. Und im Alltag bedeutet das, dass die praktische Ausbildung der Kollegen, die einen kurzen Ausbildungsweg gewählt haben, während des Kindergartenalltags von den anderen Kollegen übernommen werden muss.

Wie haben sich die Aufgaben in den letzten Jahren verändert?

Als ich 1972 im Kindergarten St. Columban angefangen habe, war das ein anderes Arbeiten. Damals war der Kindergarten eine rein pädagogische Einrichtung. Heute fallen zum Beispiel zur pädagogischen Arbeit auch noch eine Menge pflegerische Tätigkeiten an. Früher kamen die Kinder mit etwa vier Jahren zu uns und waren sauber. Erst dann galten sie als kindergartenreif. Heute hat man auch in der Gruppe der über Dreijährigen Wickelkinder zu betreuen. Sobald das mehrere sind, ist eine der pädagogischen Fachkräfte allein mit der Kinderpflege beschäftigt. Und um bei einer Gruppengröße von 20 bis 25 Kindern sinnvoll pädagogisch arbeiten zu können, bräuchte man fast eine zusätzliche Hilfskraft, die die pflegerischen Tätigkeiten abdeckt.

Kinder kommen früher in eine Betreuung, Eltern benötigen längere Öffnungszeiten. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Die Zeiten haben sich geändert. Die Ganztagsbetreuung wird immer mehr zunehmen. Die Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Zeit in der Einrichtung. Deshalb ist es notwendig, für sie kleine familiäre Gruppen zu schaffen. Wie es zum Beispiel in Schweden gelebt wird. In großen Gruppen entstehen immer wieder lange Pausen. Beispielsweise wenn alle warten müssen, bis auch der letzte angezogen ist, ehe es raus geht.

Ist der Elternanspruch heute ein anderer als früher?

Ich würde mal sagen, die Erziehungspartnerschaft wird zunehmend schwieriger. Lange Bring- und Holzeiten verhindern, dass die Eltern sich untereinander kennen. Kommt ein Kind um 7 Uhr und wird um 16 Uhr abgeholt und ein anderes kommt von 9 bis 17 Uhr, dann begegnen sich die Eltern so gut wie nie. Ein Zusammenhalt der Elternschaft in der Gruppe kann so kaum entstehen und ebenso leidet der Austausch zwischen Erzieher und Eltern. Morgens nimmt die Frühbetreuung die Kinder entgegen, den Großteil des Tages verbringen die Kinder in ihren Gruppen. Über den Tag wechselt das Betreuungspersonal wieder: eine Erzieherin geht mit zum Essen, die andere betreut den Nachmittag. Gibt es dann einen Vorfall, der das Kind beschäftigt, ist es für die Eltern mit viel Nachfragen verbunden, herauszufinden was passiert ist. Es ist für die Erzieherinnen sehr viel mühsamer geworden, neben den gewachsenen Anforderungen die Eltern in eine Erziehungspartnerschaft einzubinden.

Welchen Beruf würden Sie heute wählen, wenn Sie nochmal am beruflichen Anfang stehen würden?

Ich würde wieder Erzieherin werden. Ich bin jeden Tag sehr gerne zur Arbeit gegangen. Unser Beruf ist wunderschön und hoffnungsvoll. Die Kinder bereichern einen sehr. Das hätte ich niemals missen wollen!

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