Gesprächsbedarf: Das Interesse am Vortrag und der anschließenden Diskussion von und mit Philipp Schenk Graf von Stauffenberg (am
Gesprächsbedarf: Das Interesse am Vortrag und der anschließenden Diskussion von und mit Philipp Schenk Graf von Stauffenberg (am Mikrofon) ist riesig. Moderiert wird die Runde von Sylvio J. Godon (Mitte). (Foto: big)
Brigitte Geiselhart

Friedrichshafen - Es war ein Abend, der mit einer Überraschung begann. Dass so viele Menschen am Sonntagabend in die „Werkstatt“ des Kulturhauses Caserne kommen würden, damit hatten die Veranstalter wohl nicht gerechnet. Nicht nur Ältere waren unter den interessierten Zuhörern, sondern Vertreter fast aller Generationen. Alle wollten sie mehr erfahren über Geschehnisse, die mehr als 75 Jahre zurückliegen und dennoch nach wie vor den Nerv der Zeit treffen.

Am Mikrofon saß ein junger Mann. Philipp Schenk Graf von Stauffenberg, Urgroßneffe von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, liest zum Thema „Der 20. Juli 1944 und seine Folgen“. Es ging um die Aufzeichnungen seines Großvaters, die dieser um das Jahr 2000 zu Papier gebracht hat. Ist das Erinnern an einen deutschen Offizier, der zur zentralen Figur des militärischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus geworden ist, mittlerweile zur Pflichtübung geworden? Eine Frage, die gleich zu Beginn in den Raum gestellt wurde.

Es wurde still im mit gut 150 Leuten proppenvollen Saal. Mucksmäuschenstill. Philipp Schenk Graf von Stauffenberg berichtete zunächst über allgemein bekannten Fakten, ging dabei detailliert auf die Geschehnisse ein. Sprach über die möglichen Beweggründe seines Urgroßonkels, der zunächst nicht unbedingt zu den Gegnern des Nationalsozialismus gehörte, spätestens aber nach den Massenmorden an ukrainischen Juden im Jahr 1942 vom passiven zum aktiven Widerstandskämpfer wurde.

Dann wurden aus der Sicht eines damals 17-Jährigen die Auswirkungen des misslungenen Attentats im Führerhauptquartier – in dessen Anschluss rund 7000 Menschen verhaftet und 200 Todesurteile vollstreckt wurden – auf die eigene Familie beleuchtet. Wer mindestens 17 Jahre alt war, wurde in „Sippenhaft“ genommen, jüngere Familienmitglieder wurden in nationalsozialistische Kinderheime verfrachtet. Doch über allem stand die Aussage von Reichsführer SS Heinrich Himmler. Er hatte der Familie Graf Stauffenberg angedroht, „bis ins letzte Glied ausgelöscht“ zu werden.

Die Zuhörer erfuhren ganz private Einzelheiten einer grausamen Odyssee, die in verschiedene Gefängnisse und Konzentrationslager führten. Monate, in denen Unmenschliches durchgemacht werden musste und trotzdem niemand aus der Familie seine Haltung verloren hat, wie der Graf betont. Todesangst dann insbesondere in den letzten Kriegstagen, in denen mit der Liquidierung der bis dahin als „Faustpfand“ am Leben gelassenen Gefangenen gerechnet werden musste. Letztlich sei die Rettung durch die Amerikaner allein der „Führung und Gnade Gottes zu verdanken“ gewesen, wie Philipp Schenk Graf von Stauffenbergs gegen Schluss des Vortrags seinen Großvater zitierte.

Groß war auch der Gesprächsbedarf bei der anschließenden, von Sylvio J. Godon moderierten Diskussionsrunde. Dass gerade der christliche Glaube in seiner Familie immer das Fundament gebildet habe, antwortet der Graf auf die Frage, inwieweit das Gewissen zum Handlungsmaßstab seinen Urgroßonkels geworden sei. „Attentate sind den Deutschen wesensfremd“, so der Einwurf eines weiteren Fragestellers, der wissen wollte, ob die Stauffenbergs gerade auch in der Nachkriegszeit noch mit Anfeindungen aus der Bevölkerung konfrontiert worden seien. Über die damalige Aussage eines Lehrers „Kein Wunder, dass Ihr Kind schlecht in Mathe ist“, könnte man fast schon schmunzeln – wenn sie nicht so traurig wäre. „Das Bewusstsein, sich mit dem Widerstand auseinanderzusetzen, musste erst wachsen“, sagte von Stauffenberg. Dass er zu seinem Namen stehe, daran lässt er keinen Zweifel. „Aber es ist nicht so, dass man damit hausieren geht.“

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