Empfindsames Spiel und muntere Ausgelassenheit

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Seelenvolles Spiel bei der Earthquake-Matinee im Kiesel: Elisabeth Brauß.
Seelenvolles Spiel bei der Earthquake-Matinee im Kiesel: Elisabeth Brauß. (Foto: Helmut Voith)
Christel Voith

Sie ist empfindsame Seele und munterer Kobold zugleich: die 23-jährige Pianistin Elisabeth Brauß, mit der am Sonntagmorgen die Earthquake-Konzerte dieser Saison zu Ende gegangen sind. Wie sehr sich die Reihe mit jungen Klavierkünstlern etabliert hat, zeigt allein, dass auch diesmal im restlos vollen Kiesel im k42 zusätzliche Stühle auf die Bühne kamen. Kein Wunder, gastiert doch die junge Künstlerin ebenso in der Tonhalle Zürich, im Konzerthaus Berlin oder der Elbphilharmonie Hamburg.

Es war wieder einmal ein ganz besonderes Konzert, in das die Künstlerin selbst charmant einführte. Neuartige Klänge und romantisch glühenden Duktus versprach sie für die vorangestellte Sonate op. 1 von Alban Berg – ein Beispiel, wie Berg die klassische Sonatenform aufbrach, und damit eine gute Hinführung zu den Sonaten von Beethoven und Prokofjew. Schon Bergs Opus 1 verrät seine Ausdrucks- und Formkraft, seinen Brückenschlag zur Zwölfton- und seriellen Epoche, ist aber noch tonal. Behutsam berührte die Pianistin die Tasten, immer neu veränderte sich das Klangbild – glühende Romantik stand neben elementarer Vehemenz, geheimnisvolle Nocturne neben heftiger Aggression, ehe das Werk entschwebte, sich verlor.

Eine Freude für sich war, wie Elisabeth Brauß die Stimmungen in Beethovens Sonate D-Dur op. 10 Nr. 3 auskostete, wie sie auf ihrem Gesicht wetterleuchteten. Zartheit und Kraft verbanden sich im wirbelnden Kopfsatz, tief tauchte sie ein in das melancholische Largo, in das sich bittersüß schöne Erinnerungen drängten. Anmutig sprudelte danach das Menuett, herrlich munter war der Klangzauber des Rondos.

Als drittes Werk folgte Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 2 d-Moll op. 14 von 1914, eine Sonate, die die spätromantischen Züge ablegt und die eigene Handschrift des Komponisten offenbart. Kontraste prägten auch hier den dramatischen Einstieg, auf heftige Attacke folgte sanfte Idylle, auch fröhlicher Mutwille. Ausgelassen und verspielt legte die Pianistin im glänzenden Scherzo los, dass man meinte, muntere Pferdchen seien losgelassen. Wie ferner Glockenklang begann das Andante, der Klang wurde intensiver, eindringlicher und entschwebte wieder, eine heitere Melodie entstand – wie schön, dass die Pianistin das Gestalten der Musik unmittelbar miterleben lässt. Von „toccatenhafter Monotonie und exzentrischem Humor“ im Finale spricht der Reclam-Klavierführer, doch nicht unter Brauß‘ Händen – hier war vielmehr ein sprühend lebhafter Kobold am Werk.

In köstlich flinkem Fingerspiel hängte sie als Zugabe eine letzte Sonate an: eine vierminütige barocke Cembalosonate in c-Moll von Domenico Scarlatti, „zu seiner Zeit ein Pop-Musiker“.

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