Emotionales Oratorium in der Schlosskirche

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Unter der Leitung von Sönke Wittnebel (links am Pult) gelang eine bewegende Aufführung. Rechts die Solisten André Khamasmie und
Unter der Leitung von Sönke Wittnebel (links am Pult) gelang eine bewegende Aufführung. Rechts die Solisten André Khamasmie und Martin Hempel (von links). (Foto: Harald Ruppert)
Schwäbische Zeitung

„Himmelwärts!" - so lautet das letzte Wort des Konzerts, und himmelwärts reckt KMD Sönke Wittnebel die Arme. Musik umgibt den Dirigenten von allen Seiten: über ihm die Orgel, vor ihm der Kinder- und Jugendchor sowie das mitsingende Publikum, hinter ihm die Kantorei und die Kammerphilharm onie Bodensee-Oberschwaben (KBO), welche das Konzert mit einem majestätischen Trommelwirbel beendet. Die Herzen sind wahrlich erhoben am Ende von Friedrich Schneiders „Gethsemane und Golgatha". Das Oratorium nimmt Trost und Jubel der Auferstehung vorweg, wie das am Karfreitag ungewöhnlich ist.

Herausgearbeitete Emotionalität

Hervorragend gelang es den Ausführenden, die Emotionalität des Werks herauszuarbeiten. „Ich habe dich einen Augenblick verlassen", bekennt Gott selbst in den Worten der Kantorei gegenüber seinem Sohn am Kreuz und umfängt ihn in den Streicherklängen der KBO in Wogen seiner Liebe, die auf einem Versprechen baut: „Mit ewiger Gerechtigkeit will ich dich krönen". Das bedeutet nicht, dass das Oratorium den Abgrund aussparte. Er sitzt nur in den Zwischentönen und entfaltet dort eine ungemeine Wirkung – so in Jesus letzten Worten „Es ist vollbracht!". Tenor André Khamasmie wird hier von der großen Trommel und blitzartig einfallendem tiefem Blech in die Tiefe des Todes gezogen. Aber zugleich erheben ihn Bläser in die Höhe - und behalten die Oberhand.

Sönke Wittnebel verschenkt keine Chance, das Oratorium plastisch umzusetzen und dabei auch szenische Mittel zu nutzen: Bei der Verhandlung vor Pilatus singt Sopranistin Martina Rüping als „Stimme von oben", ob nun Engel oder Heiliger Geist, von der Kanzel herunter und gibt dem Chorraum mit den übrigen Solisten so den Charakter einer halbszenischen Bühne: „Nein töt’ ihn nicht, denn er ist ein Gerechter." Das führt konsequent die Anlage des Oratoriums zur Dramatisierung des Geschehens weiter – denn Schneider macht Pilatus’ Gattin (Claudia von Tilzer, Mezzosopran) vor der Menge des Volkes zur Fürsprecherin Jesu und eröffnet so eine Situation, die Pilatus in vertiefte Konflikte stürzt. Das erlaubt einen Wechsel zwischen innigem Bittgesang und dem äußerstem Furor des Volkes seitens der Kantorei: „Lässt du ihn los, bist du des Kaisers Feind!" Insbesondere von der KBO ist hier äußerste Flexibilität gefordert. Man meint, einer sehr dramatischen Oper beizuwohnen, wenn das Volk bereit ist, sich selbst zu verfluchen, wenn nur Jesus ans Kreuz kommt: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder. Ans Kreuz, ans Kreuz!" Es ist gut und wichtig, dass Sönke Wittnebel im Programmheft auf den Antijudaismus solcher Stellen hinweist, die von der Kantorei mit wütender Wucht dargebracht werden.

Eine solche kommentierende Ebene besitzt die Aufführung auch ohne äußere Hinweise: so an ihrer beschwingtesten Stelle, die fast tänzerisch wirkt – der Verspottung des Gekreuzigten durch den Chor der Wachen. Sönke Wittnebel verleiht hier dem Orchester trotz allem Schwung zugleich den Grimm eines Betrachters, der das Treiben kritisch kommentiert.

Zwischentöne beherrschen auch bereits die Gefangennahme Christi am Ölberg: Einleitend taucht die KBO ein in ein tiefromantisches nächtliches Raunen, in dem die Celli das bevorstehende Unheil ahnen lassen. Trotzdem keimen gerade aus ihnen lichte Flöten, in denen sich wiederum die „Stimmen von oben" ankündigen: „Willkommen, Nacht, mit deinen schwarzen Schatten". Gedeckt, wie mit der Dämmerung verschmolzen, singt die Kantorei diese Stelle, und gleich wird sie den Opfertod Jesu vorwegnehmen – mit Stimmen, aus denen die Unabwendbarkeit des Kommenden spricht, während die gezupften Celli das „Lamm" Jesus Schritt für Schritt zur „Schlachtbank" führen.

Kantorei als variables Instrument

Im Ganzen macht sich die Kantorei zum Instrument, das im Nu die Rollen und damit den Ausdruck wechselt – etwa vom geifernden Volk hin zur Stimme des Warners, der eben jene Menge klagend verurteilt: „Wehe, die ihr Zion bauet mit Blut". Vor allem die Soprane stehen vor Herausforderungen. Schon Schneiders 2013 aufgeführtes Oratorium „Das Weltgericht" verzeichnete viele sehr hohe Stellen. Hier nun steigen die Soprane souverän bis zum hohen „a“.

Souverän sind auch die Solisten: Entsprechend des tröstlichen Gesamtcharakter dieses Oratoriums legt Tenor André Khamasmie den Jesus nicht schmerzerfüllt, sondern souverän an. Mit Kraft und Präsenz trägt sein Gesang ihn über Marter und Qual hinweg. Bass-Bariton Martin Hempel macht sein bemerkenswertes Stimmvolumen zum Charakterdarsteller. Sein Pilatus verstrahlt eine natürliche Autorität und weckt gar Sympathien für den Statthalter, der Jesus freigeben will. Wie widerstrebend er ihn dem Willen der Volksmenge ausliefert, macht Hempels Stimmfärbung sehr deutlich. Sopranistin Martina Rüping gelingt insbesondere eine vor Emotion bebende Schmerzensmutter. Zwar ächzt der Text ihres Klagegesangs unter gesuchten Metaphern, aber angesichts von Rüpings Qualitäten fällt das nicht mehr ins Gewicht. Auch Claudia von Tilzer (Mezzosopran) als Maria Magdalena beweint Jesus und ergänzt Rüpings Leid um einen erdigen Resonanzboden.

Schließlich sind da die Kinder und Jugendlichen aus dem Jugendchor sowie der Mädchen- und Jungenkantorei an der Schlosskirche. Ihre hellen Stimmen kommen besonders gut zur Geltung, denn sie singen im Mittelgang der Kirche, direkt beim Publikum. Und dieses Publikum singt mit ihnen die von Schneider eingestreuten Choräle. Auch das trägt stark zur bewegten Stimmung bei, in der die Zuhörer am Ende aus der Schlosskirche strömen – „In Leid und Schmerz folg ich dir, Heiland, himmelwärts“.

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