Brigitte Geiselhart

Nein, leicht ist es ihr vermutlich nicht gefallen, nach Friedrichshafen zu kommen. Und dennoch hat Jeannine Casey diesen Schritt getan. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Bruce besucht die Australierin im Rahmen einer Europareise in diesen Tagen auch die Bodenseestadt, in der ihr Vater Leo Rath, der vor zwei Jahren verstorben ist, während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter bei Maybach viel erleiden und erdulden musste. Ein Blick zurück im Zorn? „Nein“, sagt Jeannine Casey. „Ich will einfach die Erinnerung wachhalten. Und man bekommt einen anderen Bezug zur Vergangenheit, wenn man mal vor Ort war.“

Zum geschichtlichen Hintergrund: Der gebürtige Holländer Leo Rath war während des Krieges einer von insgesamt rund 14 000 ausländischen Zwangsarbeitern im Hafen. Seine Berufsausbildung als Schaufensterdekorateur spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Er war 1942 zunächst in der Weißenau, ab Februar 1943 im Maybach-Lager Seeblick I untergebracht. Leo Rath war anfangs in der Fabrik eingesetzt, später dann als Sanitäter. 1950 wanderte er nach Australien aus.

Insgesamt vier Mal kehrte er Ende der 1990er und Anfang des neuen Jahrtausends nach Friedrichshafen zurück – in die Stadt, die für ihn ein Ort des Schreckens wurde und mit der er sich dennoch innerlich verbunden fühlte, zuletzt 2004 als 82-Jähriger. Die 60 Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnisse hatte er nicht vergessen. Unter anderem berichtete er damals davon, dass er im Juli 1944 nach einem Luftangriff der Alliierten 99 tote Italiener aus den Kellern des Maybach-Werksgeländes bergen musste. Militärinternierte, denen es nicht erlaubt war, das Werksgelände rechtzeitig zu verlassen.

Offener Umgang mit dem Thema

Natürlich besuchte Leo Rath auch die Häfler Historikerin Christa Tholander. Sie hatte mit ihren umfangreichen Recherchen, unter anderem auch mit ihrem Buch „Fremdarbeiter. Ausländische Arbeitskräfte in der Zeppelin-Stadt“ wesentlich zur Sensibilisierung der Thematik in Friedrichshafen beigetragen – und war für Leo Rath und viele andere ehemalige Zwangsarbeiter längst zu einer vertrauten Ansprechpartnerin geworden. Auch im Falle Jeannine Casey kam der Kontakt über Christa Tholander zustande.

Gastfreundlich zeigt man sich auch bei der MTU. „Fremdarbeiter und Zwangsarbeiter bei Maybach im Zweiten Weltkrieg sind Teil unserer Geschichte, mit der wir offen umgehen. Es ist für uns deshalb eine Selbstverständlichkeit, behilflich zu sein, wenn sich Nachkommen auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben“, sagt Pressesprecher Wolfgang Boller. Man wolle der Tochter von Leo Rath zeigen, was auf dem ehemaligen Gelände des Maybach-Motorenbaus entstanden ist, in dem ihr Vater im Sanitätsdienst und als gewerbliche Arbeitskraft tätig war – wenn auch vom ursprünglichen Werk kaum etwas erhalten sei. „Gerne überreichen wir Frau Casey auch die Kopie eines besonderen Zeitdokuments, der Personalkarte ihres Vaters, auf der zum Beispiel Art, Dauer seiner Beschäftigung und Angaben zur Bezahlung vermerkt sind“, sagt Wolfgang Boller.

„In meiner Kindheit und Jugend hat mein Vater kaum aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs erzählt“, erinnert sich Jeannine Casey. „Erst später war er in der Lage, das Erlebte zu verarbeiten und darüber zu sprechen – dann aber ohne Bitterkeit“, sagt sie. Dass ihr Vater bei seinen späten Besuchen am Bodensee Friedrichshafen als „nice place“ erleben durfte, also als schönen und lebenswerten Ort, in dem er viele Freundschaften schließen konnte, darüber freut sich Jeannine Casey. Der Weg der Australierin führt in diesen Tagen zusammen mit Christa Tholander auch zum städtischen Friedhof, wo viele Zwangsarbeiter ihre letzte Ruhestätte fanden. „Mein Vater setzte sich immer dafür ein, dass ihre Gräber nicht mit Nummern, sondern mit Namen versehen werden sollten. Schade, dass er dies nicht mehr erleben durfte“, bedauert Jeannine Casey.

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