Eine sechsköpfige Familie und ihr „entglittenes“ Kind hoffen aufs Jugendamt

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Eine Häfler Familie hat Probleme mit ihrem "entglittenem" Kind. Symbolbild. (Foto: dpa)
Alexander Mayer

Vier Kinder hat Familie M. aus Friedrichshafen. Doch eines ist ihr „entglitten“ und straffällig geworden. Nun hofft die Familie auf Hilfe durch das Jugendamt.

„Kinder sind ein Geschenk“, sagen überzeugte Mütter und Väter. Die eigenen Kinder aufzuziehen, beschert Eltern sicher die freudigsten aber auch anspruchsvollsten Momente des Lebens. Der Weg zum erwachsenen Menschen kann mitunter freilich ziemlich steinig sein. Eltern sein ist dann nicht nur Erfüllung, sondern bedeutet auch Frust und Hilflosigkeit. Vor allem dann, wenn Kinder ihren Eltern „entgleiten“.

Rainer und Sylvia M. aus Friedrichshafen (Name von der Redaktion geändert) ist das passiert. Vier Kinder hat das Ehepaar. Zwei Mädchen, zwei Buben. „Drei wachsen ganz normal auf, machen so gut wie keine Probleme“, sagt Rainer M. Ihre heute 15-Jährige aber ist ihnen entglitten. Völlig. „Wir wissen nicht mehr weiter“, meint die völlig deprimierte Mutter nachdem Jugendarrest, mehrere laufende Anzeigen bei der Polizei und nun auch noch geöffnete Pulsadern die Situation in der Häfler Familie haben eskalieren lassen. Die Familie fühlt sich mit ihrer Tochter nicht nur überfordert, sondern schlicht und einfach auch allein gelassen. Rainer M. weiß zwar, „dass das Kind heute in den Brunnen gefallen ist“, sagt aber auch, dass es nicht so weit hätte kommen müssen. „Hätte das von uns eingeschaltete Jugendamt schon früher reagiert“, beklagt sich der Vater.“

Es hat alles ganz harmlos angefangen. Die damals 13-Jährige hat nach Aussage ihrer Eltern Verabredungen nicht eingehalten. Manuela M. (Name geändert) hat die vereinbarte abendliche Rückkehr ignoriert. Aus den ausgemachten 21 Uhr wurde 22.30 Uhr. Es sollte kein Einzelfall bleiben. Erklärungsversuche der Eltern, warum eine 13-Jährige abends nichts mehr auf der Straße verloren hat, stießen auf Unverständnis. Als die Eltern dann erfahren haben, „dass unsere Tochter am Bahnhof rumgammelt, mit manch älterem, der schon die 18 Jahre überschritten hatte, da schrillten bei uns die Alarmglocken“, erzählt die Mutter. Auf verordnete Einschränkungen („kein Einsperren, kein Hausarrest“) folgte jugendliche Rebellion. Und Vorwürfe an die Eltern, sie würden ihre Tochter „stalken“.

Mit 14 Jahren begannen Schulprobleme. „Wir wussten nicht mehr weiter“, erzählt Rainer M – der daraufhin das Jugendamt eingeschaltet hatte. Ein Hausbesuch und ein Gesprächstermin im Landratsamt folgten. „Das Aufzeigen, was es für Konsequenzen haben kann, wenn sich unsere Tochter nicht mehr in die Familie eingliedert“, meint die Mutter, habe nicht geholfen. Die Ablösungstendenzen wurden immer stärker. „Unser Kind ist immer öfters abgehauen“. Nachdem Manuela auch noch einen Klassenkameraden geschlagen hat, wurde sie erstmals auch ein Fall für einen Tettnanger Jugendrichter. Zwei Wochen Jugendarrest folgten. Und weitere Anzeigen von Klassenkameraden, die mehr und mehr auf Distanz zu Manuela gingen. Wie gesagt, die Situation in der Familie eskalierte. „Wir sind am Ende“ ist das letzte geschriebene Kapitel der Häfler Familiengeschichte überschrieben. Heißt das nächste Kapitel „Unterbringung in einem Heim“, wie der verzweifelte Vater gegenüber der SZ fordert?

Das Jugendamt des Bodenseekreises kennt den Fall. Aus Gründen des „Vertrauensschutzes (Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamtes) geht die Behörde auf den Stand der Dinge aber nicht näher ein. Auch deshalb keine Spur möglicher Verteidigung. Simone Schilling, stellvertretende Jugendamtsleiterin, freilich erklärt, was das Jugendamt grundsätzlich darf und leisten kann. „Das Jugendamt unterstützt Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Elternverantwortung.“ Das Amt habe keine Eingriffsrechte in die Elternverantwortung. Erst dann, „wenn das Kindeswohl gefährdet ist“, könne man eingreifen. Dann habe das Amt die Aufgabe, das Kind zu schützen. Ob und wie dann eingegriffen werde, das entscheide aber nicht das Jugendamt, sondern ein Richter. Solche „massiven Eingriffe“ würden aber nur drei bis fünf Prozent der Arbeit im Jugendamt ausmachen, sagt Robert Schwarz.

Im Jugendamt gilt: Elternverantwortung bedeutet ein „starkes Recht - aber auch eine starke Pflicht“. Was gar nicht geht: „Erziehungsverantwortung kann keinesfalls an ein Amt delegiert werden“, sagt Simone Schilling. Auch im Fall des Falles und bei Problemen, Eltern bleiben immer Eltern.“ Aber: „Wir können gemeinsam mit den Eltern an eine Hilfeplanung gehen.“ Sollten Hilfen letztendlich versagen, „nachdem aber ein langer Prozess rund um Beratung gelaufen sein muss“, dann kann als letzter Strohhalm eine stationäre Jugendhilfe (Heimaufenthalt – Anm. der Red.) greifen. Der Anstoß dazu aber muss von den Eltern kommen. Über die „bedarfsgerechte Hilfe“ entscheidet dann zwar das Jugendamt, „was aber nicht heißt, dass die Eltern aus der Verantwortung entlassen sind.“

Eltern suchen Hilfestellung

Das Gros der Arbeit in der Behörde hat übrigens Präventivcharakter. „80 Prozent der Eltern kommen aus eigenem Antrieb aufs Jugendamt zu. Suchen Hilfestellung und Beratung“, sagt Michael Friedrich-Gaire, zuständig im Jugendamt für die sozialen Dienste. „Wir stehen beratend zur Seite, sind nicht obrigkeitsautoritär, haben schon gar keine polizeilichen Befugnisse“, bekundet Friedrich-Gaire. „Die wollen wir aber auch gar nicht haben“, ergänzt die stellvertretende Amtsleiterin und rät allen Eltern, die Probleme haben: „Gehen Sie frühzeitig ins Gespräch. Das vermeidet Verhärtungen. Der Ansatz ist nicht nur richtig, sondern hat sich auch bewährt.“

Eltern bleiben immer Eltern. Das wissen auch Rainer und Sylvia M. „Da kein Tag vergeht, an dem mit unserer Tochter nicht was Schlimmes passiert“, regiert in der Familie jetzt die große Hoffnung: „Dass das Jugendamt wirklicher Retter in unserer Not wird.“ Eine Aussage, die elterliche Angst, Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit reflektiert. „Orientierung können wir geben, Retter in der Not sind wir nicht“, meint man freilich im Jugendamt. Einem Amt, das sich als „Dienstleister für Eltern und Kinder“ versteht. Nicht mehr und auch nicht weniger.

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