Katharina Knoblauch

Für Katharina Knoblauch aus Friedrichshafen begann im Juni ein großes Abenteuer: Die 29-jährige reiste ab nach Nicaragua. Seitdem kümmert sich die Sozialpädagogin und Beraterin für soziale Arbeit in der Hauptstadt Managua um sexuell ausgebeutete Frauen. Katharina Knoblauchs Antrieb ist der christliche Glaube. An dieser Stelle berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Ausgesendet durch den Entwicklungsdienst „Christliche Fachkräfte International“ bin ich seit Juni in der NGO „Nueva Imagen de la mujer“ aktiv, einer nicaraguanischen Organisation, die sowohl präventiv als auch reaktiv mit jungen Mädchen oder Frauen im Prostitutionsgewerbe arbeitet. Unser Ansatz ist ein ganzheitlicher. Möchte eine Frau ihren Körper nicht länger verkaufen, ist eine Veränderung in allen Bereichen erforderlich. Meist kommen die Frauen völlig zerstört bei uns an. Es würde ihnen nichts bringen, nur eine neue Arbeitsstelle zu suchen. Auch innere Wunden und negative Gedankenmuster bedürfen der Veränderung. Die Frauen suchen Hoffnung, sei dies praktischer, emotionaler oder mentaler Art.

Raus auf die Straße

Ich habe von unserer Bürotür aus noch ganz gut reden. In unserer Anlaufstelle denke ich manchmal, so schwer sei der Ausstieg nicht – mit professioneller Hilfe und einem Plan an der Hand. Es kann funktionieren. Gut, dass ich mich mit dieser Einstellung zurückhalte und wir uns dafür entscheiden, rauszugehen. Direkt auf die Märkte, direkt an den Ort des Geschehens. Mit eigenen Augen können wir sehen, wie die Männer kommen und sich die Frauen in rotem Minikleid und halbnackt für wenig Geld anbieten. Und das nicht in vornehmen Suiten mit romantischem Doppelbett, nein – auf dreckigen, halb kaputten Pritschen mit vergammelter Teddybärdecke.

Ich sehe mir die Frauen an und da steht so vieles in ihren Gesichtern geschrieben. Das Leben hat sie gezeichnet. Manchmal existiert nur noch ein leerer Blick, manchmal sind es die Narben auf ihrem Körper, die von einem missbrauchten Leben sprechen, manchmal verraten eine forsche Art und harte Wortwahl die Überlebensgesetze der Straße.

Der Körper als Geldquelle

Manche der Frauen freuen sich auf uns; meist dann, wenn sie uns schon kennen. Manchmal haben sie eher „keinen Bock“. Wie gut das nachvollziehbar ist. Schließlich strahlen wir schon durch unsere Kleidung und unser Auftreten aus, dass wir aus einer anderen Welt kommen und sie ja eh nicht verstehen. Ist es nicht so? Sie haben ja so Recht. Ich weiß nicht, wie es ist, keinen Cent (hier: Centavo) in der Tasche zu haben – aber vier Kinder von verschiedenen Männern ernähren zu müssen, die mich alle sitzengelassen haben. Ich weiß nicht, wie es ist, ohne Bildungsmöglichkeiten aufzuwachsen und nur den eigenen Körper als Geldbeschaffungsmöglichkeit zu haben. Ein Freund sagte einmal zu mir: „Katharina, du bist sehr privilegiert.“

Ich bin privilegiert, weil ich als kleines Mädchen ein sicheres Zuhause haben durfte und von keinem männlichen Familienmitglied vergewaltigt wurde. Außerdem, weil ich als Mädchen zur Schule gehen durfte, später meine Meinung als Frau etwas wert war und ich unabhängig entscheiden durfte, welchen Weg mein Leben nimmt. Das alles war und ist den Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten, verwehrt.

In den Straßen Managuas – inmitten dieser mir so fremden Welt – spüre ich plötzlich, wie schwer der Ausstieg ist. Er ist so schwer, dass mir die Worte dafür fehlen. Ich empfinde tiefes Mitleid für jede einzelne Frau. Gerne möchten wir als Team, zum Zeichen der Solidarität und der Nächstenliebe, weiter bewusst „aufsuchende Sozialarbeit“ betreiben. Die meisten Frauen schätzen das. Manche von ihnen sind peinlich berührt, wenn wir bei ihnen bleiben und nicht wegschauen.

Mein persönliches Vorbild für diese Grundhaltung als Christin ist Jesus Christus selbst. Er ging zu den Menschen, die von der Gesellschaft verachtet waren. Er versetzte sich in ihre Lage, verstand sie und zog sie heraus. Als christliches Werk vertrauen wir nach wie vor auf die lebendige Kraft Jesu. Wir erleben bis heute, wie er Frauen innerlich und äußerlich in ein neues Leben führt und heil macht.

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