Sinfoniekonzert GZH 01.02.2020 Academy of St Martin in the Fields mit Fazil Say Klavier Foto:Christian Lewang
Sinfoniekonzert GZH 01.02.2020 Academy of St Martin in the Fields mit Fazil Say Klavier (Foto: Christian Lewang)
Gerd Kurat

Ausverkauft ist der Hugo-Eckener-Saal beim gemeinsamen Auftritt des Komponisten und Pianisten Fazil Say mit der Academy of Saint Martin in the Fields gewesen. Sind doch der Solist noch vom Bodenseefestival 2014 als „Artist in Residence“ und das Orchester von regelmäßigen Konzerten beim Publikum bestens bekannt.

Gespannt war man auf das Zusammentreffen zweier Gegensätze: Auf der einen Seite das durch seinen reinen, singulären Klang in vorbildlicher englischer Tradition mit großer Disziplin geprägte Streichorchester – auf der anderen der vor Energie sprühende, mit vielen spontanen Eingebungen musizierende Pianist. Der Abend begann mit einer Demonstration des homogenen Zusammenspiels der Academy. In der „Sinfonietta Nr. 1“ des britischen Komponisten Malcolm Arnold für Streicher und paarweise Oboen und Hörner verbreitete sich unter der Leitung des Konzertmeisters Tomo Keller mit fließend wechselnden Stimmführungen, kleinen Soli oder schwungvollem Unisono-Spiel die geforderte optimistische Grundstimmung.

Nach der reichhaltigen, in sanfter, galanter Rhythmik geprägten Orchestereinleitung im Klavierkonzert Nr. 12 A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart übernahm Fazil Say den gesanglichen Charakter und ließ bei der Fortführung im perlenden Laufwerk seine mühelose Technik durchschimmern. Dann begann ein perfekt abgestimmter Dialog mit der hochpräsenten Streichergruppe. Faszinierend, wie es Fazil Say gelang, mit kindlicher Freude in seinem Spiel den Eindruck zu erwecken, dass er gerade zum ersten Mal die Schönheit in Mozarts Werk entdeckt. Völlig in sich versunken, in butterweichem Anschlag im äußersten Piano, die Erinnerung Mozarts an seinen Lehrer Christian Bach zu Beginn des zweiten Satzes. Die aufgeregten Passagen im Andante waren tief im Inneren verwurzelt. Zusammen mit dem Orchester in ausgelassener Spielfreude, ein bisschen den Schalk im Nacken mit kessen Trillern, bekam das finale Rondeau quicklebendigen, tänzerischen Charakter.

In seinem zweiten Klavierkonzert „Silk Road“ aus dem Jahr 1994 beschreibt Fazil Say mit folkloristischen Mitteln eine Reise entlang der historischen Seidenstraße. Meditativer Gesang für Tibet, Sitarklänge für Indien, pastorale Idylle für Mesopotamien und ein sehnsuchtsvolles Volkslied für Anatolien. Mit kraftstrotzenden Streichermelodien gegen dissonante Klavierakkorde, Imitationen von fremdländischen Streichinstrumenten auf präparierten Klaviersaiten, krachenden Pedal-Clustern oder Flageolett-Flimmern ließ Say mit den bestens reagierenden Streichern seine ganz eigene Klangwelt mit großer Sogwirkung entstehen. Viel Beifall für Komponist, Solist und Orchester.

Wenn nach einem Werk, weit weg von gefälliger Abend-Unterhaltung, starker Applaus gespendet wird, haben die Ausführenden wohl nichts falsch gemacht. In einer packenden Interpretation gelang es dem reinen Streichorchester unter Tomo Keller am ersten Pult, das Publikum für das Divertimento für Streicher von Béla Bartók zu begeistern. Das 1939 in der Schweiz entstandene Werk enthält Vorahnungen des heraufziehenden Krieges. So wurde der leichtfüßige Schwung immer wieder von gewaltigen Akkordblöcken und grellen Dissonanzen durchbrochen. Lebendiges Musizieren im kraftvollen Volksmusikton mit motorischer Rhythmik prägten den hoffnungsvollen Finalsatz.

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