Ein aufmerksamer Beobachter: der Autor Norbert Gstrein.
Ein aufmerksamer Beobachter: der Autor Norbert Gstrein. (Foto: hv)
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Zum dritten Mal ist der aus Tirol stammende, in Hamburg lebende Autor Norbert Gstrein nach Friedrichshafen gekommen. Im gut besuchten Kiesel hat er aus seinem neuesten Roman „Als ich jung war“ gelesen.

Gstrein gilt als einer der wichtigsten und interessantesten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur der mittleren Generation. Im besten Sinne routiniert weiß er sein Publikum mit Themen der Zeit zu fesseln. Sein jüngster Roman, vom fiktiven Ich-Erzähler Franz – Studienabbrecher, Hochzeitsfotograf und Skilehrer – geschrieben, spielt in der Gegenwart in Tirol und in den amerikanischen Bundesstaaten Wyoming und Montana an der Grenze zu Kanada. Der Autor ist selbst in Tirol aufgewachsen und hat einige Zeit in den USA studiert, das reizt die Leser nachzufragen, wie viel Autobiografisches in die Erzählung Eingang gefunden hat.

Am Anfang stehe meist eine bestimmte Situation, erzählt er im Gespräch mit Franz Hoben. Da war eine Geschichte, dass ein junger Mann ein sehr junges Mädchen geküsst hat, das nach vielen Jahren wieder als berühmte Pianistin auftaucht. Weil ihm das zu wenig war, spiegelte er das Geschehen in einer weiteren Begebenheit, die mit dem Tod der Protagonistin endet – als Hochzeitsfotograf hat Franz ein Brautpaar abgelichtet, am Ende war die Braut tot, einen Abhang hinuntergestürzt. Offen bleibt, ob Suizid, Unfall oder gar Mord. Der Leser sollte sich durch die geschickt platzierten Krimi-Elemente nicht ablenken lassen. Sie dienen dem Autor dazu, bestimmte Vorstellungen vom Leben auszubreiten, in Beziehung zueinander zu setzen. Fragen nach Selbstbetrug, Verantwortung und Schuld – alles bleibt offen, auch die Gründe für den Suizid eines Professors, der dunkle Geheimnisse mit sich herumtrug und pädophiler Anlagen verdächtigt wird. Ein anderer Strang erzählt von Franz‘ Erlebnissen im Internat, die sich tief in dem jungen Menschen einprägen. Es sei ein merkwürdiger Erzähler, eine merkwürdig schuldbeladene problematische Figur, die um ihre problematischen Möglichkeiten wisse und hier vielleicht eine Art Lebensbeichte versuche, sagt Gstrein. Alle Stränge hat er in seiner Lesung anklingen lassen, Zusammenhänge angedeutet, neugierig gemacht.

Trotz der vorkommenden Todesfälle zeichnet der Autor nicht das Bild einer durch und durch negativen Welt. Er hat zudem eine Art, in brillanter Sprache mit trockenem Humor in wenigen treffenden Worten Situationen zu skizzieren, die aus dem Alltag genommen scheinen und doch als künstlerisches Element überhöht in das Ganze integriert werden. Als studierter Literaturwissenschaftler weiß Norbert Gstrein mit ausgefeilter Technik so umzugehen, dass sie ganz selbstverständlich wirkt. Er kann seine Zuhörer auch durch die Art des Lesens – unaufgeregt, innerlich beteiligt, aber nie überbetont – für sich gewinnen.

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