Ein Autor auf Spurensuche in der Vergangenheit

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 Norbert Hummelt verwebt in seinen Texten Biografie, Literatur, Historie und Geografie zu neuen Interpretationen der Erinnerung
Norbert Hummelt verwebt in seinen Texten Biografie, Literatur, Historie und Geografie zu neuen Interpretationen der Erinnerung (Foto: gsb)
Gudrun Schäfer-Burmeister

„Ohne Erinnerung wär man kein Mensch“, antwortet Norbert Hummelt auf die Frage von Franz Hoben, welchen Stellenwert Erinnerung für ihn habe. Der stellvertretende Leiter des Kulturbüros hat den Autor nach Friedrichshafen eingeladen und präsentiert ihn dem literarisch interessierten Publikum als Autor, den es zu entdecken gelte.

Der aus Neuss stammende und in Berlin lebende Schriftsteller hat seine Meriten und Preise bislang als Lyriker sowie als Übersetzer von Gedichten und als Reiseschriftsteller sowie als Autor literarischer Features für verschiedene Radiosender gesammelt. Der Leserschaft der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) dürfte er als Verfasser kleiner Geschichten bekannt sein. 24 solcher Essays versammeln sich im „Atlas der Erinnerung“, einer Sammlung von Prosatexten, in denen Hummelt Landschaften und Orte, literarische und historische Schauplätze besucht und mit persönlich biografisch bedeutsamen Ereignissen und Betrachtungen verwebt.

Er stelle sich immer auf den Ort und die Zeit ein, wenn er Lesungen mache, sagt Hummelt und beginnt seine Lektüre mit „Der Winter des Jahrhunderts“, einem Text aus dem Jahr 2012, der sich auf die Seegfrörne 50 Jahre zuvor bezieht, als die Kälte nicht nur den Bodensee erstarren ließ, sondern auch andernorts zu Verheerungen durch Schnee und Eis führte. Für den Autor ist es eine Spurensuche der eigenen Vergangenheit, denn er wurde in jenem Winter 1962 geboren. „Die mündliche Überlieferung ist brüchig geworden, seit die Elterngeneration geschlossen zum Friedhof übergesiedelt ist; die eigene Erinnerung hat hier ihren Nullpunkt, ihren blindesten Fleck.“ Wie in einem Spaziergang flaniert Hummelt durch landschaftliche, persönliche und literarische Eindrücke. Er assoziiert Schlittschuhläufer auf dem zugefrorenen Rhein bei Düsseldorf, zeichnet ein Bild seiner um die beiden Großväter trauernden Mutter und beschreibt anhand von nachgelassenen Briefen die Lebenssituation einer anderen jungen Mutter in London, bei der es sich um die Schrifttellerin Sylvia Plath handelt, die ihrem Leben im Februar 1963 ein Ende setzte. Aus Fotos und Erzählungen imaginiert der Autor ein Bild dieser Zeit. „Gern würde ich mich an helle Flecken erinnern oder auch an helle Flocken und sagen, daß mein Gefühl für Schnee sich aus Bildern jenes Winters speist.“

Hummelt gibt dem Publikum an diesem Abend drei weitere Kostproben seiner Schreibkunst. Sich in einer Stadt zu verirren, braucht Schulung, lautet ein an ein Zitat Walter Benjamins angelehntes Fazit über sommerliche Fahrradausflüge in Berlin. Urlaubsreisen in den Hunsrück begleiteten den Autor bereits als Kind und lassen ihn bis heute nicht los, wo er feststellt: „irgendwann kennt mich hier keiner mehr.“ Und ein Ausflug ins deutsch-polnische Grenzgebiet führt zu Schlachtfeldern unterschiedlichster Art.

„Je weniger man erwartet, desto mehr kriegt man vielleicht geschenkt“, mutmaßt Hummelt über die Bedeutung des Reisens. Das Kiesel-Publikum freilich wurde reich beschenkt mit diesen Texten von einem Autor, den es entdecken durfte.

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