Nikolaus Henseler dirigiert Verdis monumentales Requiem, vorne die Solisten Oksana Poliarush, I Chiao Shih, Alexander Efanov und
Nikolaus Henseler dirigiert Verdis monumentales Requiem, vorne die Solisten Oksana Poliarush, I Chiao Shih, Alexander Efanov und Manuel Kundinger (von links). (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Inniges, demütiges Flehen und hochdramatische Oper haben die Zuhörer am Sonntagnachmittag im Graf-Zeppelin-Haus bei der Aufführung von Giuseppe Verdis Requiem erlebt.

Für das große Werk hat Chorleiter Nikolaus Henseler das Vokalensemble Camerata Serena mit dem Chor der Musikhochschule Trossingen vereint. Gut hundert Sänger auf der Bühne, dazu die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz bieten ein imposantes Bild, doch dann die Überraschung: Ganz aus dem Nichts ahnt man Musik, unhörbar fast – selten hat man die Philharmonie so subtil gehört -, und ebenso pianissimo setzt der Chor ein. So still, so eindringlich, dass atemlose Stille herrscht, hat man das „Requiem aeternam“ noch kaum gehört. Unglaublich dicht und spannungsvoll ist die Balance von Chor und Orchester, wenn dann der starke Männerchor mit „Te decet hymnus“ plötzlich kraftvoll einsetzt und erneut ins Pianissimo zurücksinkt.

Bis das Blut gefriert

Starke Kontraste prägen das ganze Requiem, eine Herausforderung, die Chor und Orchester unter der präzisen Leitung von Nikolaus Henseler bestens meistern. Wie eine Raubkatze springt er auf, gibt nach dem opernhaften Kyrie den Pauken das Zeichen zum Einsatz, der einen Fortissimo-Aufruhr im Orchester einleitet und ein furchterregendes „Dies irae“ im Chor, als tue sich ein Höllenschlund auf. Dann eine Abwärtsbewegung, von bebenden Streichern begleitet zieht sich der Chor zurück, nur noch zischender Sprechgesang ist zu hören, als Bläser von der Bühne wie von der Galerie aus bedrängend den Ruf der Posaune, das „Tuba mirum“, erschallen lassen. Mitten hinein in tiefe, dumpfe Streicher lässt die Bass-Arie das Blut gefrieren: Tote und Lebende stehen auf, Rechenschaft abzulegen. Tonlos wiederholt der Chor das „Dies irae“, flackert kurz auf und sinkt wieder in sich zusammen.

Doch nicht nur Angst hat Verdi ausgemalt, sondern auch das Flehen um Rettung, das im „Rex tremendae majestatis“ zur dramatischen, fortissimo vorgetragenen Forderung wird. Eben diese extremen Kontraste lassen das monumentale Werk zur Herausforderung werden, die der sorgsam einstudierte vereinte Chor in feinster Klangkultur herüberbringt. Auch das Orchester nimmt Henselers Impulse exakt auf. Verstörend eindringlich malen die Musiker die Visionen vom Weltgericht, als liebliche Vision dagegen den Übergang vom Tod zum Leben. Kraftvoll setzt der Chor mit dem Sanctus ein, wie Tanzmusik wandert die Melodie durch die Stimmen. Lieblicher Gesang verbindet sich mit neuem Leuchten im Orchester – welch ein Kontrast zum stillen „Agnus Dei“. In opernhaftem Crescendo wiederholen Chor und Orchester dramatisch das „Dies irae“, zur fröhlichen Tanzmusik wird zuletzt das „Libera me“, ehe der Chor erstirbt und die Sopranistin das „Libera me“ nurmehr flüstert.

Ebenso wie von den dramatischen Kontrasten in Chor und Orchester lebt das Werk von dem Solistenquartett, das Schmerz und Todesangst wie freudige Erwartung in opernhaften Arien aufnimmt. Hier stachen besonders eindringlich die Altistin I Chiao Shih und der Bassist Manuel Kundinger hervor. Tröstlich und warm, sanft und demütig war das Altsolo, markant die Bass-Arien, ob demütig, fordernd oder furchterregend. Sehr schöne Koloraturen sang die Sopranistin Oksana Poliarush, gelangte aber gelegentlich an ihre Grenzen. Weniger präsent im Requiem ist der Tenor, harmonisch fügte sich Alexander Efanov ins Quartett. Insgesamt war die Aufführung ein großes, oft atemberaubendes Ereignis.

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