Ehemaliger Landwirt ist nicht zu stoppen

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Am Mittwoch wird die Verhandlung fortgesetzt
Am Mittwoch wird die Verhandlung fortgesetzt (Foto: Peter Steffen (dpa))
Sportredakteur

Mit reichlich Verspätung hat am Montagvormittag die öffentliche Hauptverhandlung wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung am Landgericht Ravensburg gegen einen 64-jährigen ehemaligen Landwirt aus einem Friedrichshafener Teilort begonnen. Der an Schizophrenie erkrankte Mann, der zurzeit einmal mehr im Zentrum für Psychiatrie in Weißenau einsitzt, war zu Verhandlungsbeginn um 9.15 Uhr nämlich nicht zugegen und musste letztlich von der Polizei zwangsvorgeführt werden. In Handschellen saß der Beschuldigte dann gegen circa 10.30 Uhr vor Richterin Birgit Eißler. Verantworten musste sich der weißbärtige Langhaarige, den Richard Glaubach pflichtverteidigte, wegen einer Mistgabelattacke auf einen Spaziergänger aus der Nachbarschaft seines Gehöfts und wegen mindestens fünfmaligem Fahren ohne Fahrerlaubnis auf öffentlichen Straßen mit einem seiner Traktoren.

Nachdem in der letztlich gut sechsstündigen Verhandlung 13 Zeugen gehört worden waren, wurde der Beschluss über eine von Justiz und Behörden angedachte Sicherungsverwahrung für den seit Jahrzehnten wegen einschlägiger Übergriffe in allen Lebenslagen aktenkundigen Senior aus Zeitgründen auf Mittwoch vertagt.

Bereits Mitte der 80er-Jahre war der gelernte Elektroningenieur psychisch erkrankt. Bei seinem Arbeitgeber MTU überwarf er sich alsbald mit seinem Vorgesetzten und setzte sein Berufsleben nach der Kündigung auf dem elterlichen Hof fort. Immer wieder kam es in den folgenden Jahren aber auch dort zu Zwischenfällen als Folge des zunehmend kränkelnden Geistes. Häusliche Gewalt gegen Mutter und Schwester, der Vater war bereits 1981 verstorben, waren an der Tagesordnung. Hofbesucher wie Postboten, Stromzählerableser oder Handwerker trauten sich bald nur noch unter Polizeischutz auf das Anwesen, wo der Hofherr Besucher immer wieder mit rabiaten Aktionen vor den Kopf stieß. Unrühmlicher zwischenzeitlicher Höhepunkt war 2001 eine halsbrecherische Verfolgungsjagd, bei der der damals 46-Jährige mit seinem Fluchtwagen gleich mehrere Polizeisperren durchbrach und erst durch Pistolenschüsse in die Reifen auf einem Acker gestellt werden konnte.

Die Strafe für die damaligen Vergehen hat der Unruhegeist jedoch längst verbüßt. Am Montag stand er wegen neuerlicher Vorfälle und Vergehen vor Birgit Eißler, die nun darüber entscheiden muss, ob nach seiner erneuten Einweisung in die Psychiatrie im September 2017 eine Sicherungsverwahrung künftig das Beste ist für den Mann – und die Menschen in dessen Umfeld. Die fühlten sich in den Vorjahren nämlich wieder zunehmend terrorisiert: Ein Zeuge berichtete, dass der Beschuldigte auf seinen Feldern Obstbäume gefällt, Tore ausgehängt, Umzäunungen beschädigt, außerdem Angestellte bedroht und wüst beschimpft habe. Eine Zeugin sagte aus, der Beschuldigte habe Pfähle aus der Begrenzung ihrer Pferdekoppel gezogen und Strombänder gekappt. Polizisten im Zeugenstand berichteten von Verbalinjurien übelster Kategorie. Im ganzen Ort war zudem bekannt, dass der Unruhestifter seit der Verfolgungsjagd 2001 sämtliche Führerscheine los war. Was ihn freilich nicht daran hinderte, mit seinem Traktor die Straßen der Region unsicher zu machen, und dabei auch mal durch rasantes Heranpreschen im Trecker-Rückwärtsgang Polizisten zum panischen Notausstieg aus der grünen Minna zu zwingen. Verantworten muss der Mann sich jetzt aber vor allem wegen eines Mistgabelangriffs auf einen Fußgänger, der sich mit einem Holzpfosten verteidigte und somit möglicherweise Schlimmeres verhinderte. Dass der Angegriffene im Dezember 2017 verstarb, hat mit der Strafsache nichts zu tun.

Dass der Beschuldigte nicht zurechnungsfähig ist, steht bei der Verhandlung außer Frage. Einen weiteren Beweis dafür erbrachte er gleich zu Beginn der Verhandlung, als er die Richterin mit den Worten unterbrach: „Die einzig strafbare Handlung hier ist, dass ich in der Weißenau sein muss. Es ist Haar sträubend, wie es in der Welt zugeht, seit ich da drin sitze. Wenn ich draußen geblieben wäre, dann wäre der Krieg in Syrien nicht losgegangen.“

Am Mittwoch um 9.15 Uhr geht die Verhandlung weiter.

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