Durchbruch: Alex Schaf hat einen schwierigen Weg

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Schwäbische Zeitung
Günter Kram

Schon die Terminabsprache mit Alex Schaf war ungewöhnlich: „Kommen Sie so ab 22 Uhr, da habe ich etwas Zeit für ein Interview“. Alex Schaf hatte am Wochenende seinen ersten Länderkampf für den Deutschen Leichtathletikverband bestritten. Deutschland gewann ihn gegen  Gastgeber England, Schweden, die USA und eine Vertretung aus dem Commonwealth überraschend – und Alex Schaf  hat mit einem dritten Platz über 60 Meter gegen starke internationale Sprinter mit zum Sieg beigetragen.

Am Dienstagabend war er wieder bei der Arbeit. Im Fitness-Studio Fairfit am Flughafen absolviert der 23-jährige Sprinter gerade eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann – Schichtdienst bis 24 Uhr und Arbeit am Wochenende inklusive. „Es ist schwierig und man muss sehr diszipliniert sein, um Arbeit und Leistungssport unter einen Hut zu bringen. Die meisten Kaderathleten sind in einer Sportfördergruppe der Bundeswehr oder gleich Profis.“

Aber Alex Schaf hat den schwereren Weg gewählt und sich trotzdem – von Verband, Konkurrenten und Medien fast unbemerkt – an die Spitze gearbeitet. Schwer war schon seine Kindheit: Alex wuchs in Lugansk, ganz im Osten der Ukraine auf. „Wir hatten keine Perspektive,  kaum Geld und etwas zu essen. Mein Vater war gestorben. 1996 konnten wir nach Deutschland auswandern, weil meine Großmutter und Mutter deutschstämmig waren. In Sigmaringen fanden wir unsere neue Heimat.“ Leicht hatte es der Neunjährige zunächst auch dort nicht. Er sprach kein Deutsch und kam in die dritte Klasse. „In den ersten Monaten habe ich abgemalt, was der Lehrer an die Tafel geschrieben hat. Verstanden habe ich das erst viel später.“ Trotzdem schaffte er den Realschulabschluss.

Während seiner Schulzeit wurde er vom alten Trainerfuchs Akki Schmid (LG Sigmaringen) entdeckt. Der erkannte das Talent und brachte ihm die Grundformen der Leichtathletik bei. Da war er schon A-Schüler und 15 Jahre alt. Schnell kamen Erfolge – vor allem im Sprint Spitzenzeiten für seine Altersklasse. 2004 war er mit 10,83 Sekunden schnellster B-Jugendlicher in Württemberg. Nach Abschluss der Realschule verpflichtete sich der noch nicht einmal 18-Jährige für vier Jahre bei der Bundeswehr und wurde nach der Grundausbildung im normalen Truppendienst eingesetzt. Vier Monate davon verbrachte er im Kosovo. „Ich habe dort weitertrainiert, obwohl die Laufbahn nur aus einen Schotterbelag bestand“, erinnert er sich. Die 100-Meter-Zeiten bewegten sich in diesen Jahren zwischen 10,70 und 10,80 Sekunden, was immer noch für gute Bestenlistenplätze reichte.

Nach seiner Entlassung 2008 begann Alex Schaf die Ausbildung zum Fitnesskaufmann in Friedrichshafen. Jetzt wurden die Trainingsmöglichkeiten besser, wenn auch nicht ideal. „Der Vorteil meiner Arbeit im Studio ist das Krafttraining vor Ort. Wenn wenig los ist, kann ich immer mal eine Trainingseinheit durchziehen. Mit einem Trainer habe ich lange nicht mehr zusammengearbeitet.“

Den Trainingsplan stellt er selbst zusammen und der beinhaltet Elemente wie Kniebeugen, Kreuzheben und Bankdrücken. Dazu kommen Übungen für die sprintrelevanten Muskelgruppen an Maschinen. Das Ergebnis: Eine athletische Figur – 84 Kilo verteilen sich auf 177 Zentimeter – und ein kraftvoller Laufstil. Damit gelang dem Sigmaringer 2009 die Verbesserung auf 10,56 Sekunden und im Vorjahr sogar auf 10,36 Sekunden.

Wechsel zum VfB Stuttgart

Das war in Deutschland Platz neun. Sowohl in der Halle (5.) als auch auf der Bahn (7.) schaffte er es ins DM-Finale.  Mit solchen Zeiten und Erfolgen macht man sich begehrt. Alex Schaf wechselte von der LG Sigmaringen zum VfB Stuttgart, was einige Vorteile hat: „Das Organisatorische ist besser geregelt.  Auch meine Schuhe und Sportkleidung bekomme ich erstmals gestellt. Bisher musste ich alles selbst kaufen. Als Auszubildender mit kleinem Gehalt und Ausbildungszuschuss bin ich für jede Erleichterung dankbar“. Vor drei Wochen sorgte er gleich für einen Paukenschlag: Mit 6,72 Sekunden stellte er über 60 Meter eine Deutsche Jahresbestzeit auf. Die Zeit bestätigte er nochmals bei den Landesmeisterschaften.

Eine Woche später startete er in Glasgow und hielt sich gegen Weltklassesprinter ausgezeichnet. „Ich denke, 2011 wird mein Jahr“, gibt sich Schaf zuversichtlich. Die nächste große Bewährungsprobe steht am 27. Februar in Leipzig an. Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften trifft der Senkrechtstarter auf die Deutsche Spitzenklasse. Die 6,72 sollen verbessert werden, „eine 6,60er Zeit ist möglich“, meint er selbstbewusst. Und auf der Bahn sollen zunächst die 10,36 über die 100-Meter-Distanz fallen. „Wenn ich professionell trainieren kann, halte ich auch den Deutschen Rekord (Emmelmann/10,06) für erreichbar“, steckt er sein großes Ziel ab. Die Weichen sind also gestellt.

Seine Ausbildung in der Zeppelinstadt schließt Alex Schaf im Mai mit der Prüfung ab – und seine Fühler hat er auch schon ausgestreckt: Vielleicht führt ihn sein Weg nochmals zur Bundeswehr, diesmal in eine Sportfördergruppe.

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