Unter der Leitung von MD Joachim Trost führen der Philharmonische Chor Friedrichshafen und die Südwestdeutsche Philharmonie Kons
Unter der Leitung von MD Joachim Trost führen der Philharmonische Chor Friedrichshafen und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz das Oratorium „Paulus“ auf, vorne die Solisten Martina Gmeinder, Letizia Scherrer, Jörg Dürmüller und Markus Eic (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Mit langem, intensivem Applaus haben die Zuhörer am frühen Sonntagabend im vollen Graf-Zeppelin-Haus für den „Paulus“ gedankt, den der Philharmonische Chor Friedrichshafen und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz unter der Leitung von Musikdirektor Joachim Trost aufgeführt haben.

Joachim Trost ist nicht einfach begeistert, sondern innerlich berührt von diesem Oratorium, das den Weg eines Menschen vom Christenhasser, oder anders gesagt vom Fanatiker zum geläuterten Menschen zeigt, der in Demut und voller Nächstenliebe konsequent seinen weiteren Weg geht. Hier wird eine Utopie in Musik vorgestellt, die jeden berührt, der sich darauf einlässt. Wenn ein Dirigent das seinen Mitwirkenden vermitteln kann, dann wird dieses Oratorium zu einem packenden Ereignis wie schon 2015 unter Georg Grass in Tettnang und jetzt erneut in Friedrichshafen.

Weich und lyrisch setzen die Streicher in der Ouvertüre ein. Mit weit ausholenden Gesten dirigiert Trost die ihm vertraute Konstanzer Philharmonie. Die im „Paulus“ präsente Dramatik wird spürbar, einige Motive klingen an. Sehr deutlich zeichnen die Musiker im weiteren Verlauf die unterschiedlichen Stimmungen des Werkes, die Lyrik wie die Dramatik, die etwa das Bekehrungserlebnis vor Damaskus markiert.

Unaufhaltsame Eigendynamik

Mächtig setzt der rund 90-köpfige Chor ein. Trost achtet auf eine ausgewogene Balance zum Orchester, gleich zu Beginn freut man sich über die saubere Artikulation. Dennoch ist es gut, dass es hell genug ist, um den Text im schön gestalteten Programmheft mitzulesen. In diesem Oratorium spielt der Chor eine gewichtige Rolle. Falsche Zeugen wiegeln das Volk auf, die Dramatik steigert sich. Überzeugend malt der Chor in den dramatischen Turba-Chören die sich steigernde Aggression. In lyrischen Chorsätzen und schlichten Chorälen kommentiert und reflektiert er die Handlung. Rezitative tragen sie voran, Soloarien reflektieren sie. Sopranistin und Tenor berichten über ein Geschehen, dessen Eigendynamik nicht aufzuhalten ist.

Erschütternd ist die Parallelität zu den großen Passionen, wenn das Volk der Juden im dynamischen Turba-Chor „Weg, weg mit dem!“ ruft und die Steinigung des Stefanus verlangt oder wenn zuletzt der Ruf „Steinigt ihn“ sich gegen Paulus wendet. Wunderbar ist der verzeihende Choral des Stefanus. Spannend ist das zentrale Erweckungserlebnis, wenn der Chor Jesu Aufforderung übernimmt: „Stehe auf und gehe in die Stadt... Mache dich auf! Werde Licht!“ Wenn der verwandelte Saulus ruft: „Du hast meine Seele errettet aus der tiefen Hölle.“ Kräftiger Applaus nach dem ersten Teil.

Mit Freuden stellt man bei den ersten kommentierenden Worten des Chores fest, dass die Spannung nach der Pause wieder voll aufgebaut ist. Opernhaft schön ist das Duett von Barnabas und Paulus, wie eine Idylle die lyrisch-melodische Beschreibung des Chores: „Wie lieblich sind die Boten, die den Frieden verkündigen...“ Doch bald schon macht der das Volk verkörpernde Chor neue Spannungen spürbar, Unheil kündet sich an. Paulus ist bereit, sein Schicksal hinzunehmen, wunderschön klingt sein tröstender Bass. Das Oratorium lebt vom Chor und Orchester, aber ebenso von den Solisten. Mit prägnantem Bariton zeichnet Markus Eiche den Wandel von Saulus zu Paulus, mit lyrischem Tenor führt Jörg Dürmüller durchs Geschehen. Mit klarem Sopran überzeugt die kurzfristig eingesprungene Letizia Scherrer, mit innigem Mezzosopran steht ihr Martina Gmeinder zur Seite. Im Schlusschor darf der Chor zeigen, dass nichts von der anfänglichen Spannkraft fehlt. Langer, langer Applaus.

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