Klaus Doldinger ist nach wie vor der Mann der griffigen Saxofonthemen.
Klaus Doldinger ist nach wie vor der Mann der griffigen Saxofonthemen. (Foto: harald ruppert)

„Der Greis ist heiß“ heißt ein Titel von Klaus Doldingers letztem Album. Diesem Motto macht die 82-jährige Jazzikone zur Eröffnung des Landesjazzfestivals in Friedrichshafen alle Ehre. Das GZH ist voll und das Publikum erlebt einen „Greis“, der noch voll im Saft steht. Der Rücken mag gebeugter sein als früher und die Beine etwas steifer, aber Doldingers Lachen ist keck, sein Ansatz am Saxofon sicher und die Lungen schwächeln nicht.

Von den Passport-Gründungsmitgliedern ist niemand mehr dabei. Auch unter der zweiten Passport-Generation sind aber Musiker, die schon seit fast 30 Jahre zur Band zählen und dennoch mindestens 30 Jahre jünger sind als Doldinger. Das könnte zum Problem werden, wenn Doldinger seine Band mit jungen Könnern auffüttern würde, um altersbedingte eigene Schwächen zu überdecken. Aber das ist nicht der Fall. Doldinger ist nach wie vor der Mann der griffigen Saxofonthemen, seine Improvisationen haben an Kreativität nicht verloren und er markiert nicht den starken Mann. Während der langen Soli seiner Musiker setzt er sich schon mal auf einen Stuhl im Hintergrund.

Passport 2018 ist mehr denn je eine Rhythmusmaschinerie. Zu Christian Lettner am Schlagzeug stoßen mit Ernst Ströer und Biboul Dariouche noch zwei Percussionisten. Zusammen mit Patrick Scales (Bass) zünden sie polyrhythmische Feuerwerke, wie man sie im Fusion-Jazz seit Ende der 70er-Jahre für ausgestorben hielt, als die langen Sessions griffigeren Formaten wichen. Nicht so bei Doldingers Passport: Die Stücke dauern zehn Minuten und länger, vieles wird aus nordafrikanischen Rhythmusmustern geschöpft, und so entwickelt sich das Sitzkonzert wenigstens im Kopf zum Tanzkonzert - was wohl auch genügt, denn die Beine wüssten kaum, für welche der übereinandergelegten Rhythmussspuren sie sich entscheiden sollten.

Jeder ist ein Trommler

James Brown erklärte einmal, jeder Musiker in seiner Band sei Trommler - ganz egal, welches Instrument er spiele. Das gilt im Stück „Infusion Rag“ auch für Passport, denn ebenso wie der Rest der Band gehen Michael Hornek (Keyboads) und Martin Scales (E-Gitarre) so perkussiv zu Werke, dass nur noch ein Melodiespur übrig bleibt: Sie gehört Klaus Doldingers Saxofon. Und so entsteht ein Funkjazz, der den Geist an die Grenze zur Trance versetzt - komplex, aber fordernd und mitreißend.

In seiner Vermischung verschiedenster Stilrichtungen und Musiktraditionen hatte Doldinger mit Passport immer schon eine Vorreiterstellung inne. Was heutzutage DJs für den Dancefloor unbeschwert zusammenmixen, kombinierte Passport schon in den 70ern. Wenn im GZH daher manchmal der Eindruck entsteht, Doldinger eifere der jungen Szene nach, ist gerade das Umgekehrte wahr: viele Blaupausen für die Clubmusik von heute stammen von Doldinger.

Den ganzen Doldinger bekommt man auch bei diesem Konzert nur in der Summe der Widersprüche, die er mit seiner Band mühelos zusammenfügt. Da legt sich über den archaischen arabischen Trommelrhythmus eine spacige Keyboardspur direkt aus dem Orbit. Oder Doldinger vertauscht sein zupackendes Saxofon gegen eine Querflöte und spielt ein mystisches Intro. Doldinger empfand nie den inneren Zwang, sich für eine einzige Musikschublade entscheiden zu müssen. Was sich intuitiv richtig anfühlte, das macht er.

Seine Vertrauen auf die Intuition machte ihn auch zum idealen Filmmusik-Komponisten. Im GZH spielt Doldinger eine fesselnde neue Version seiner Titelmelodie für Uwe Petersens Seekriegs-Drama „Das Boot“, mit dem beklemmenden Echolot-Motiv. Seine Musik erreicht auch dort die Plastizität von Filmbildern, wo sie gar nicht für Filme geschrieben wurde: „Seven to four“ zum Beispiel groovt so schick und mondän, dass der dazu passende James Bond-Streifen erst noch geschrieben werden muss.

Außerdem wäre die Zeit reif, die Erkennungsmelodie des „Tatort“ endlich gegen Doldinges eigene Neufassung auszutauschen. Er verordnet dem alten Bigband-Fetzer ein Update, das spannender ist als mancher Krimi. Auch dafür erhält der 82-Jährige mit dem kecken Lachen nach über zwei Stunden Konzertdauer die Ovationen seines Publikums.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen