Nikolai Gersak an St. Nikolaus-Orgel. Seine Improvisationen zum Film „Mikrokosmos“ entwerfen eine Klangwelt voller Geheimnisse.
Nikolai Gersak an St. Nikolaus-Orgel. Seine Improvisationen zum Film „Mikrokosmos“ entwerfen eine Klangwelt voller Geheimnisse. (Foto: rup)

Es regnet. In Zeitlupe schlagen die Tropfen wie Geschosse zwischen den Grashalmen ein. Sie vereinigen sich zu einem Strom, der alles mit sich reißt – fast auch einen Käfer, der sich auf einen kleinen Vorsprung retten konnte; zumindest vorläufig.

Begleitet werden diese Szenen von wild tosender Orgelmusik, in der die Bässe wogen wie eine schwarze Flut und Akkordkaskaden irrlichtern wie Lebewesen in höchster Panik. So improvisiert Nikolai Gersak auf der Orgel die dramatischste Szene des französischen Dokumentarfilms „Mikrokosmos“ aus dem Jahr 1996, zum Abschluss des Orgelherbsts. Das Konzert setzt auch den Schlusspunkt zum Ausstellungsprojekt „Himmelsschwärmer“ in St. Nikolaus, mit dem eine vielseitige Veranstaltungsreihe verbunden war.

Zuletzt improvisierte Gersak vor zwei Jahren zu einem Stummfilm, damals zum Gruselklassiker „Das Kabinett des Dr. Caligari“. „Mikrokosmos“, über das Leben der Insekten in den Wiesen und Wäldern, ist nun ein ganz anders gearteter Film. Aber was Nikolai Gersaks Musik auch hier durchzieht, ist die Atmosphäre eines tiefen Geheimnisses. Das liegt zum einen an den faszinierenden Bildern, die sich teilweise erst nach und nach erschließen: Etwa, wenn ein leuchtender Körper immer höher aus einer Wasserfläche herauswächst; bis den rund 120 Besuchern aufgeht, dass sie das Schlüpfen einer Stechmücke erleben.

Wachsendes Dunkel

Aber das Geheimnisvolle von Gersaks Spiel hat wohl auch theologische Gründe: Es spiegelt sich darin eine Schöpfung, die man dank sagenhafter Kameratechnik zwar mit dem Auge miterleben kann. Trotzdem offenbart sich dabei nicht zugleich ihr Schöpfer. Vermutet man hinter den Phänomenen der Evolution einen Gott, dann sind seine Hervorbringungen in diesem Mikrokosmos der Insekten so fremdartig, dass auch Gott selbst in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist; ein Dunkel, das wächst, je mehr man in die Bilder dieses Films eintaucht.

Gersaks Orgelspiel gleitet nie ins Burleske ab. Selbst dann nicht, als ein Mistkäfer seine Kugel beim Rollen ungewollt auf einen Pflanzenkeim spießt – und er eifrig alles daran setzt, die Kugel wieder frei zu bekommen. Der Organist widersetzt sich jeder Annäherung durch Humor, die dem Naturschauspiel über den Weg der Einfühlung seine Eigenart nähme. Der große Plan dieser Welt liegt in einem beständigen Halbdunkel, in Gersaks Improvisationen symbolisiert durch pumpende Bässe. All die an Sonderbarkeiten reichen Wesen, die dieser uneinsehbare Plan hervorbringt, überführt Gersak in kurze Motive mit merkwürdigen Klangfarben. Fahl und giftgelb zugleich wirken sie, als die Tentakel einer fleischfressenden Pflanze sich um eine Fliege schließen. Wie eine von den Zufällen des Winds gespielte Panflöte klingt dagegen die Improvisation, als Blütenblätter in der Abenddämmerung sich sanft um ein Insekt schließen, das in ihrer Mitte sitzt. Gersaks melodische Entwürfe bleiben mit Absicht ungreifbar. Kreiselnd wiederholen sie sich und bilden abstrakte Spiralen, zu denen sich Libellen paaren oder Raupen in langer Karawane über den Lehmboden robben. Gersaks Improvisationen entwickeln eine den Filmbildern analoge Fremdheit. Das Konzert erliegt nicht der Gefahr, die Schöpfung in eine anheimelnde Nähe zu rücken, sie damit zu verniedlichen und zu banalisieren. Darin liegt die besondere Qualität dieses Konzerts, für das die Kirchengemeinde mit dem Kulturbüro, dem Kino Studio 17 und dem Kulturzentrum Linse zusammengearbeitet hat. Es ist nicht nur ein Schlusspunkt, sondern auch ein Höhepunkt des Ausstellungsprojekts „Himmelsschwärmer“.

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