Dieser Klangkörper braucht keine Instrumente

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Höhepunkte geistlicher Chormusik singt der Philharmonische Chor in St. Nikolaus. (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Eine neue Herausforderung für den Philharmonischen Chor und seinen Leiter, Musikdirektor Joachim Trost, war es, ein Konzert mit Höhepunkten geistlicher Chormusik fast ausschließlich A-cappella zu bestreiten – eine Herausforderung, die meisterlich bewältigt wurde. Eigentlich verwunderlich, drei Wochen nach Ostern noch einmal von der Passion zur Auferstehung geführt zu werden, doch es war ein ergreifend schönes Chorkonzert, das die Zuhörer in der gut zur Hälfte gefüllten Nikolauskirche erlebten. Tief beeindruckend war schon der Beginn mit dem afro-amerikanischen Spiritual „Were you there when they crucified my Lord“. Ein leiser und dafür umso eindringlicherer Vorwurf, in schöner Pianokultur vorgetragen. Dramatisch dagegen das „Eli, Eli!“ des Ungarn Georgius Bárdos, das mit mehrfach im Glissando abstürzenden Rufen den Todeskampf Christi bis zum stillen Aushauchen nachzeichnet. In edler Schönheit und transparentem Klang folgte Mozarts „Ave verum“, ein inniges Gebet vor dem toten Leib Christi. Die Stimmung inniger Gläubigkeit nahm auch Faurés 1865 geschriebenes Jugendwerk „Cantique de Jean Racine“ auf, in tadellosem Französisch gesungen. Mit einem Orgelsolo leitete Nikolai Geršak über zum zweiten, der Gottesmutter Maria gewidmeten Teil. Spannungsvoll entwickelte er an der Woehl-Orgel in Johann Sebastian Bachs Passacaglia c-Moll BWV 582 das reiche Klanggebäude über dem eindringlichen ostinaten Thema.

Die hohen Frauenstimmen besangen eingangs in Bruckners „Ave Maria“ die Lichtgestalt, im Wechsel mit den Männerstimmen führte der Gesang in schönem Aufblühen und Verglühen zum Amen. Schlichte, volkstümliche Empfindsamkeit prägte Edvard Griegs Vertonung zum Hymnus „Ave maris stella“ – „Meerstern, ich dich grüße“ –, die zu den Höhepunkten skandinavischer Chormusik zählt.

Im ersten deutsch gesungenen Choral, Max Regers „Unser lieben Frauen Traum“, konnte der Philharmonische Chor nicht nur Gesangskultur, sondern auch Intonationssicherheit beweisen.

Zum besonderen Erlebnis wurde Franz Biebls „Ave Maria“, denn in dem von Trost als Solosänger eingeleiteten Werk trennte sich der Chor in einen Hauptchor und einen Fernchor, der von der Orgelempore aus wie ein Echo antwortete – ein raumgreifendes Hörerlebnis, ein frohes Marienlob mit strahlendem gemeinsamem Amen.

Als Zäsur zum Auferstehungsteil ließ Geršak in virtuosem Spiel auf eine entrückte Meditation von Marco Enrico Bossi mit Louis Viernes „Naiades“ eine unwirklich flirrende, wogende, perlende Welt entstehen.

Nun war die Zeit der Lobgesänge zur Auferstehung gekommen, kunstvoll jauchzende Choräle von Mendelssohn umrahmten eine Psalmvertonung des 53-jährigen estnischen Komponisten Urmas Sisask, die in zwingender Dramaturgie gregorianische wie auch afrikanische Einflüsse erkennen ließ. Herzlicher Beifall folgte für ein ungewöhnliches Chorkonzert, noch einmal erklang Biebls „Ave Maria“.

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