Die Zuschauer hält es nicht auf den Sitzen

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 Royal Scottish National Orchestra mit Nicola Benedetti (Violine) und Thomas Søndergård (Leitung) im Bild.
Royal Scottish National Orchestra mit Nicola Benedetti (Violine) und Thomas Søndergård (Leitung) im Bild. (Foto: Christian Lewang)
Gerd Kurat

Am Freitagabend war im Graf-Zeppelin-Haus zu erleben, wie auch ein Sinfoniekonzert mit anspruchsvollem Programm zu wahren Begeisterungsstürmen führen kann. Nach der letzten Zugabe mit schottischer Fiddle-Musik „Eightsome Reel“ hielt es die Zuhörer im voll besetzten Hugo-Eckener-Saal nicht mehr auf den Sitzen und das Royal Scottish National Orchestra wurde im Stehen mit lauten Bravo-Rufen und nicht enden wollendem Schlussapplaus von den Zuhörern verabschiedet.

Begonnen hatte das im Gedächtnis bleibende Konzert mit der emotional berührenden „Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis“ des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams. In Erinnerung an die venezianische Mehrchörigkeit war das reine Streichorchester in drei Gruppen aufgeteilt: Große Besetzung – Streichquartett – kleine Besetzung mit neun Musikern. Gleichsam aus dem Nichts kommend ging, nach geheimnisvoller Einleitung, das dunkel gefärbte „alte“ Tallis-Thema in die „neue“ Tonsprache des 20. Jahrhunderts über. In sensibler Klangsinnlichkeit, feinstem Pianissimo oder kompaktem Fortissimo führte Dirigent Thomas Søndergård, trotz ständiger Taktwechsel, zu einem unendlichen Melodiefluss. Bewundernswert, wie der satte Streicherklang nach einem starken Höhepunkt im fast Unhörbaren verschwand.

Das Violinkonzert d-Moll op. 47 ist das einzige Solokonzert, das Jean Sibelius geschrieben hat. Der schwierige, riesengroße „Monolog“ lag bei Nicola Benedetti in den besten Händen. Von Beginn an brachte die schottisch-italienische Geigerin zwei gegensätzliche Pole zusammen: Auf der einen Seite überbordende Virtuosität im Stil der Spätromantik – auf der anderen eine bestechend klare Tongebung mit traumhaftem Legato-Spiel.

Nach der ersten geheimnisvollen Melodie, die in ausdrucksstarker Wärme der „Gabriel“ -Stradivari von 1717 über gedämpften Streichertremoli in den Saal strömte, begann eine faszinierende Reise geprägt von Melancholie, nordischer Einsamkeit, verschiedenen Naturkatastrophen bis hin zum ausgelassenen Tanzvergnügen. Die mühelos scheinende technische Brillanz der sympathischen Solistin mit allen erdenklichen Spieltechniken war nie „Show-Effekt“, sondern immer in den Gesamtzusammenhang eingebunden.

Søndergård, stets mit einem Auge bei der Solistin, gelang mit dem nun groß besetzten Orchester eine mal sensible, aber auch erfrischende Begleitung. Nach der Zugabe mit einer schottischen Volksweise hat Benedetti hoffentlich ihr Flugzeug nach Los Angeles erreicht. Sie ist erstmals für einen Grammy nominiert.

An dem beispielhaften Werk der britischen Musik „Enigma“ von Edward Elgar kann man leicht scheitern, wenn man die Rührseligkeit oder den viktorianischen Pomp übertreibt. Søndergård widerstand dieser Gefahr und gab den hinter den abwechslungsreichen Charaktervariationen stehenden Personen, alles Freunde von Elgar, lebendige Gestalt. In großer Spielfreude mit sonorem Gesamtklang, aber auch ausdrucksstarken Solisten, viel Empfinden für Elgars spezielle Tonsprache präsentierten die Schotten das meisterhaft instrumentierte Orchesterwerk ihres Nationalkomponisten.

Nach dem letzten vollen Schlussakkord im Finalsatz begeisterte der „Slawische Tanz Nr. 2“ in e-Moll mit schönem Wechsel zwischen lyrischem Spiel und ausgelassener Heiterkeit als erste Zugabe.

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