Der chinesische Grüntee steht auch in Friedrichshafen auf dem Wohnzimmertisch: Shenxin Li, Bin Wang und ihre beiden Töchter Liny
Der chinesische Grüntee steht auch in Friedrichshafen auf dem Wohnzimmertisch: Shenxin Li, Bin Wang und ihre beiden Töchter Linyi und Leyi fühlen sich in ihrem neuen Lebensumfeld rundum wohl. (Foto: Bild: Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Menschen aus rund 120 Nationen leben laut aktueller Statistik in Friedrichshafen und tragen zur kulturellen Vielfalt in unserer Stadt bei. Viele von ihnen sind längst am See zu Hause und identifizieren sich mit ihrer neuen Heimatstadt. In unserer Serie „Häfler aus aller Welt“ stellen wir Männer und Frauen vor, die uns an ihrem Lebensweg teilhaben lassen und erzählen, warum sie sich im Hafen so wohlfühlen. Heute: Eine Familie aus dem Reich der Mitte, die trotz aller kulturellen Unterschiede mit ihrem neuen Umfeld prima zurechtkommt.

Kaum zu glauben: Zwei unglaublich große Millionenmetropolen, in denen insgesamt fast so viele Menschen wie in halb Deutschland leben. Aus Shanghai stammt Shenxin Li, aus Nanjing seine Frau Bin Wang. Aber heute wohnt das chinesische Ehepaar zusammen mit seinen beiden Töchtern Leyi und Linyi im vergleichsweise beschaulichen Bodenseestädtchen Friedrichshafen. „Anders, aber sehr schön“, beschreiben sie ihr neues Lebensumfeld. Shenxin Li ist Elektrotechnikingenieur und arbeitet als Projektleiter für Nice Solar Energy in Schwäbisch Gmünd – ein Unternehmen, das als internationales Forschungs-Joint-Venture gegründet wurde und für nachhaltige Herstellungsverfahren in der Photovoltaik steht. Bin Wang war schon im Rahmen ihres Maschinenbaustudiums in Duisburg und hat später für die ZF Shanghai gearbeitet. „Ich war jedes Jahr zwei bis drei Mal dienstlich in Friedrichshafen. Auch mein Chef arbeitete hier. Er wollte mich gerne vor Ort haben – auch schon wegen meiner Sprachkenntnisse“, erzählt die 37-Jährige. Vor knapp zwei Jahren war es dann mit dem Umzug soweit. „Wir wollten die Veränderung wagen und uns in Deutschland auf ein etwas ruhigeres Leben einlassen“, sagt Bin Wang – und bis heute sind alle Familienmitglieder mit dieser Entscheidung glücklich.

In Peking fahren immer noch alle Leute mit dem Fahrrad herum. Und ganz Peking ist eine einzige pulsierende Metropole – ungefähr mit New York gleichzusetzen. Shenxin Li und Bin Wang wissen bestens Bescheid über die immer noch gängigen Vorurteile auf beiden Seiten. „Was, ihr wohnt in einem Dorf?“, auch über diese häufig gestellte Frage aus dem Bekanntenkreis in ihrer Heimat müssen sie herzhaft lachen. Im gesellschaftlichen Umgang gebe es aber in China durchaus auch andere Regeln als hierzulande, erzählen sie. Negative Rückmeldungen – vor allem vor anderen Leuten – würden zum Beispiel als unhöflich betrachtet, auch ein spontanes Ja oder Nein. „Nach der konfuzianischen Lehre ist ein längeres Überlegen vorgesehen“, sagt Shenxin Li. „In der Öffentlichkeit ins Taschentuch zu schneuzen ist ebenfalls bis heute ein No-Go – auch das damit zusammenhängende Geräusch. In unserer Heimat geht man dazu eher auf die Toilette.“

„Ade“ und „Grüß Gott“, das geht allen Familienmitgliedern inzwischen leicht von den Lippen und die fünfjährige Linyi singt die Kindergartenlieder auch schon gerne auf Deutsch.

Der Bildungsdruck in China ist größer

„Die Schule macht mir Spaß“, berichtet ihre neunjährige Schwester Leyi. Sie hat sich auch mit Leidenschaft dem Klavierspiel verschrieben – war als Musikschulschülerin bereits beim Landeswettbewerb von „Jugend musiziert“ erfolgreich – und liebt es darüber hinaus, ins Ballett zu gehen, zu malen und beim VfB Badminton zu spielen. Dass es keinen Zusatzunterricht in der Schule gibt, auch das ist für die Familie eine angenehme Veränderung. „Wochenende ist Wochenende – das ist schön“, betont Bin Wang. „In China ist der Bildungsdruck viel größer als hier.“

Weihnachten zu feiern, aber auch das chinesische Frühlingsfest, das passt gut zusammen. Auch die Tatsache, dass man nicht nur chinesisch kocht, sondern sich auch mal an Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle heranwagt.

Und man freut sich nicht zuletzt darüber, mit dem Fahrrad zum Zeppelin-Hangar zu fahren und die Zeppeline beim Start und bei der Landung zu beobachten. „Das Leben in dieser idyllischen Umgebung ist für uns als Großstadtmenschen eine wunderbare Herausforderung“, sind sich Bin Wang und Shenxin Li mit ihren Kindern einig. Keine Frage: Diese Familie ist in Friedrichshafen so richtig angekommen – auch wenn natürlich die Eltern und Großeltern vermisst werden. „Den Grüntee trinken wir trotzdem nicht aus Teebeuteln, sondern kaufen ihn nach wie vor bei Bauern in unserer alten Heimat ein“, fügt Bin Wang mit einem Lächeln hinzu.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen