Klaus Doldinger (links) und Boris Bojadzhiev (rechts) stehen im Gespräch mit Joachim Landkammer Rede und Antwort.
Klaus Doldinger (links) und Boris Bojadzhiev (rechts) stehen im Gespräch mit Joachim Landkammer Rede und Antwort. (Foto: Harald Ruppert)

Vier Fernsehfilme muss ein Filmkomponist im Jahr vertonen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Außerdem sind die Honorare für Filmkomponisten über die Jahre stetig gesunken – das sind zwei Befunde des Podiumsgesprächs „Filmmusik gestern und heute“, das im Rahmen des Landesjazzfestivals am Dienstag im GZH stattfand.

Über die Filmmusik von gestern sollte Klaus Doldinger sprechen, über diejenige der Gegenwart der 1979 geborene Boris Bojadzhiev. Allerdings fiel es Moderator Joachim Landkammer von der Zeppelin-Universität schwer, Doldinger pointierte Antworten zu entlocken. Doldinger ist einer der profiliertesten deutschen Filmmusikkomponisten, aber man merkte ihm an, dass Filmmusik nicht mehr im Zentrum seiner Arbeit steht. Im entspannten Plauderton schweifte er zu den verschiedenen Stationen seiner Jazzkarriere ab, die mit Filmmusik nichts zu tun hatten. Anders Boris Bojadzhiev: Der Wahl-Berliner ist dabei, sich auf dem harten Pflaster der Filmmusikkomponisten zu etablieren. Er hat bereits mehrere Fernsehfilme und Dokumentationen von ARD und ZDF vertont, aber auch die Musik für Kinofilme geschrieben, darunter „Highway to Hellas“ mit Christoph Maria Herbst und die Teenie-Komödie „Das schönste Mädchen der Welt“. Auch die Musik zur letzten „Tatort“-Folge des Bodensee-Ermittlerteams Eva Mattes und Sebastian Bezzel stammt von ihm.

Während Doldinger sich glücklich schätzte, dass sich in seiner Karriere alles so glücklich fügte, konnte Bojadzhiev Genaueres über seine Erfahrungen der letzten Jahre beisteuern. Zum Beispiel über die große Zeitnot bei Fernsehproduktionen. In vier Wochen muss die Musik für einen Fernsehfilm fertig sein – nicht nur die Komposition, sondern die komplette Einspielung. Eine Eile, die sich auch in der Qualität niederschlägt. Qualitätsmängel sind aber auch in der Sparteneinteilung der Sender begründet. Oft muss das geliefert werden, was ins Schema passt. Was wiederum zu einem guten Teil erklärt, warum etwa die seichten „Herzkino“-Filme im ZDF zur Hauptsendezeit so dürftig tönen.

Als Filmkomponist, stellte Bojadzhiev fest, müsse man ein Chamäleon sein, denn jeder Film verlange seine eigene musikalische Welt. Eine Welt, die sich oft aber nicht so frei entfalten kann, wie der Komponist sich das idealerweise wünschen würde: Wenn der Komponist den ersten Rohschnitt eines Filmes zu sehen bekomme, in den schon eine Vielzahl von Popsongs eingebaut sei, müsse man das schon verkraften können, sagte Bojadzhiev. Und man könne sich schon ärgern, wenn Produzenten 150 000 Euro Lizenzgelder zahlen, nur um je ein Lied von Bob Dylan und Janis Joplin in ihrem Film platzieren zu können – während die Komponisten um ein paar hundert Euro Entlöhnung hin oder her verhandeln müssten.

Ist Filmmusik eine Verschwendung von Kreativität, weil Komponisten allzu viele Kompromisse schließen müssen? Keineswegs, meinte Doldinger. Ebenso wie seinem jüngerer Kollegen ist es ihm noch nie passiert, dass seine Musik abgelehnt wurde. Bojadzhiev fügte an, dass man sich als Komponist umso freier entfalten könne, je stärker die Persönlichkeit des Regisseurs sei – weil dann dem Regisseur nicht andere in seine Entscheidungen reinredeten. Während Doldinger zu Filmmusik-Aufträgen inzwischen eher überredet werden muss, weil ihm sonst zu wenig Zeit für seine anderen Projekte bleibt, ist Bojadzhiev froh, dass er in diesem Genre Fuß gefasst hat, auf das er konsequent hinarbeitete. „Das schafft nämlich nicht jeder“, sagt er. Von seiner Mitstudenten, die mit ihm das Filmmusik-Studium in Babelsberg abschlossen, sei nur noch die Hälfte als Filmmusikkomponisten tätig.

Schreibblockaden können beängstigend sein. Aber Boris Bojadzhiev weiß, das sie vorüber gehen, weil er bisher noch jedes Projekt gestemmt hat. Die zuverlässigste Inspirationsquelle sind für den studierten Cellisten immer noch althergebrachte akustische Instrumente. „Wenn mir auf dem Klavier oder der Gitarre nichts einfällt, nehme ich mir eine alte verstimmte Zither, fülle Steine rein, schüttle sie und streiche mit einem kaputten Bogen über die Saiten.“ Es gibt aber noch andere quälende Momente als kreative Verstopfungen: wenn man eine Melodie entwickelt hat und sich nicht sicher ist, ob es sie vielleicht schon gibt. Man kann das ja nicht überprüfen. „Aber wenn ich merke, dass ich etwas kopiere, höre ich sofort damit auf“, erklärt Bojadzhiev.

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