Die meisten Fischer wollen keine Aquakultur im Bodensee

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Unter Beschuss: Peter Dehus, Fischereireferent des Ministeriums (beigfarbene Jacke) und Alexander Brinker Leiter der Fischereifo
Unter Beschuss: Peter Dehus, Fischereireferent des Ministeriums (beigfarbene Jacke) und Alexander Brinker Leiter der Fischereiforschungsstelle (hinten zweiter von rechts) sahen sich den Argumenten der Fischer zur Felchen-Aquakultur gegenüber. (Foto: Ralf Schäfer)
Schwäbische Zeitung

Berufsfischer könne man bald nur noch im Museum bewundern, sagt Wolfgang Sigg, Vorsitzender des Internationalen Bodensee-Fischereiverbandes. Er hat damit die Diskussion kommentiert, die auf der Jahreshauptversammlung des Württembergischen Fischereivereins über Aquakultur und Nährstoffgehalt im See entbrannt war.

Mit am Tisch saßen auch Peter Dehus, Fischereireferent des Ministeriums für ländlichen Raum und Verbraucherschutz sowie Alexander Brinker, Leiter der Fischereiforschungsstelle in Langenargen. Peter Dehus hatte zuvor in einem Kurzvortrag über die Situation der Berufsfischer und des Ministeriums berichtet. Man habe im vergangenen Jahr nicht ohne gute Argumente versucht, die Patente der Berufsfischer zu reduzieren. Gegen eine Abschlagszahlung von 7000 Euro für Patente, deren Inhaber nicht mehr auf den See fahren, und 15000 Euro für solche, die von aktiven Fischern gehalten werden, waren vorgesehen. Nur im Badischen habe ein Fischer davon Gebrauch gemacht.

Hintergrund ist, dass die Fischer aufgrund der fehlenden Nährstoffe im See kaum noch Fische fangen. Und die Nährstoffe fehlen, weil die Kläranlagen nach Ansicht der Fischer zu viel Phosphat aus dem Wasser ziehen. Peter Dehus berichtete weiter über die Möglichkeiten einer Aquakultur für die Felchen im See. Das Ministerium habe das Interesse, das zu organisieren, wolle aber keine Finanzinvestoren dabei haben. Ein guter Weg sei die Genossenschaft, an der auch die Fischer teilhaben könnten. Die aber wehrten sich mehrheitlich gegen diese Technologie, weil sie darin eine Konkurrenz zu ihrem Berufsstand sehen. Viele Argumente wurden ausgetauscht, nicht alle Fischer stehen auf Kriegsfuß mit der Aquakultur und den Netzgehegen, in denen die Fische dann gehalten werden sollen.

Doch auch die beim Württembergischen Fischereiverein interessierten Kollegen haben viele kritische Fragen. Ob die wissenschaftlichen Untersuchungen der Fischereiforschungsstelle auch in der Realität des Bodensees umsetzbar seien, bezweifeln viele Fischer. Auch die von finnischen Fischzüchtern attestierte Möglichkeit, Felchen wirtschaftlich im Bodensee zu züchten, überzeugt die Fischer nicht.

Alexander Brinker spricht von drei Jahren, nach denen sich der erste Ertrag erzielen lasse. „Diese Technologie lässt sich auch an den Bodensee übertragen“, sagt der Wissenschaftler. Dehus und Brinker sehen darin eine Lösung, wieder Felchen aus dem Bodensee verkaufen zu können, nachdem die Erträge im vergangenen Jahr nur durch das Hochwasser leicht angestiegen sind, immer noch aber 48 Prozent unter dem Zehn-Jahres-Schnitt liegen.

Einig waren sich Wissenschaftler, Ministeriumsvertreter und Fischer, dass das Grundproblem darin liegt, dass der See nur noch rund 0,05 mg/l Phosphat enthält und damit sehr nährstoffarm ist. Das Hochwasser im vergangenen Jahr habe gezeigt, dass der Nährstoffmangel und die Fischereierträge direkt miteinander zu tun hätten, weil durch das Hochwasser viele Nährstoffe in den See gespült und die Fischer plötzlich wieder mehr Fische gefangen hätten, sagt Anita Koops, zweite Vorsitzende des Fischereivereins.

„Phosphat ist kein Dreck“

Bei einem Diskurs-Forum zwischen Gewässerschutzverbänden, der Wasserwirtschaft und den Fischern habe man sich sogar darauf geeinigt, dass der Phosphatgehalt im See 0,1 mg/l betragen dürfe. Aktiv aber, sagt Alexander Brinker, „wird die Wasserwirtschaft nichts unternehmen, dass sich der derzeitige Wert ändert.“ Das aber fordert Wolfgang Sigg. Er sieht eine Lösung in Akzeptanz eines Phosphatwertes von 0,1 oder 0,12 mg/l. „Phosphat ist kein Dreck. Die Politik muss sich zu den Erkenntnissen des Diskursforums bekennen und etwas tun“, sagt Sigg. Das Geld, das jetzt in die Aquakultur gesteckt werde, hätte man besser in ein Phosphatmanagement investiert. Die Fischer stehen nach eigenen Aussagen auf verlorenem Fuß. Jeder wisse von dem Dilemma, aber niemand tue etwas, sagt Fischereivereins-Vorsitzender Norbert Knöpfler.

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