Für Strawinskys „Le sacre du printemps“ nehmen die Brüder Lucas und Arthur Jussen (von links) an zwei Flügeln Platz.
Für Strawinskys „Le sacre du printemps“ nehmen die Brüder Lucas und Arthur Jussen (von links) an zwei Flügeln Platz. (Foto: Noah Vinzens)
Noah Vinzens

Betreten Lucas und Arthur Jussen die Bühne, ist eines klar: Frisur und Anzug sitzen. Schwungvoll nehmen sie an einem der beiden auf der Bühne schimmernden Steinway-Flügel Platz. Mit Faszination lässt sich in dem von Graf Waldstein komponierten Thema das Geschwisterduo in seiner perfekten Synchronität beobachten. Jede kleinste Bewegung üben die Brüder zusammen aus.

Doch schnell weicht diese Faszination – das Klavierspiel rückt in den Vordergrund. Die von Beethoven komponierten Variationen WoO 67 für Klavier zu vier Händen über das Thema von Graf Waldstein erscheinen erschreckend glanzlos, das vorherrschende C-Dur eher kantig, in den lauten Passagen geradezu brutal. Die affektierten Ritardandi verstärken den Eindruck, dass den jungen Musikern (Lucas 26, Arthur 23) die nötige musikalische Reife für Beethoven fehlt.

Ganz anders zeigen sich die Brüder bei dem darauf folgenden Andante und Allegro, op. 92, von Felix Mendelssohn Bartholdy. Träumerische, weiche Klangfarben zeichnen die romantischen Melodien des Andante in den Saal, bevor die frisch perlenden Kaskaden und Läufe des Allegro den konzertanten Charakter dieses Stückes herausheben. Die gegenseitige Übernahme von Stimmen und Melodien gelingt den beiden Brüdern spielerisch und natürlich. Die pulsierende musikalische Verdichtung am Ende des Werkes und die schwindelerregende Tonflut meistern Lucas und Arthur energisch und zielsicher.

Die Fantasie in f-Moll, D940, schrieb Franz Schubert in seinem Todesjahr 1828. Geradezu suchend er-klingt das fragile Thema zu Anfang der Fantasie. Zwischen Schmerz, Resignation und Hoffnung schwankt dieses musikalisch außerordentliche Werk. In den leisen Stellen gelingen den Brüdern die besonderen Momente.

Doch die Intimität steht in hartem Kontrast zu dem gefühllos harten Forte. Generell scheinen die Brüder in den lauten Passagen ihrer Darbietung die Tastatur als tatsächliches Schlaginstrument zu verstehen, als vielmehr den Facettenreichentum des Flügels zu nutzen. Auch in Igor Strawinskys „Le sacre du printemps" in der Fassung für zwei Klaviere aus dem Jahre 1913 scheinen die Brüder über weite Strecken den Hammer zu schwingen, zu brutal, zu eisern der Klang. Keine Frage, das Werk, welches vom Frühlingsopfer erzählt, war im Jahr der Uraufführung 1913 ein Skandal und beinhaltet durchaus extreme Passagen, die mit ihrem schlagenden Rhythmus aus der damaligen Norm fielen.

Ob jedoch bei diesen Takten oder in den malerischen Phrasen: Der Kontrast, der für dieses Stück so wichtig ist, will den beiden nicht gelingen. Da klingt das berühmte Solo am Anfang, das im Original für Orchester vom Fagott gespielt wird, genauso hart angeschlagen wie der kurz darauf einsetzende, akkordische Rhythmus, dem es zwar nicht an Stärke, jedoch an der nötigen Klangbreite fehlt.

Bachs Choral „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ als Zugabe zeigt sich als das am sensibelsten vorgetragene Werk des Abends mit viel Einfühlungsvermögen und Strahlkraft. Nach insgesamt zu viel Lärm und Krach endet für das allerdings begeisterte Publikum im lückenhaft besetzten Saal des Graf-Zeppelin-Hauses ein eher durchschnittlicher Abend der Klaviermusik.

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