Die Helden des Alltags sind in Vergessenheit geraten

Lea hat Corona. Die 30-jährige Frau mit geistiger und körperlicher Behinderung wohnt zur Zeit wieder bei ihren Eltern.
Lea hat Corona. Die 30-jährige Frau mit geistiger und körperlicher Behinderung wohnt zur Zeit wieder bei ihren Eltern. (Foto: Ralf Schäfer)
Redakteur

Lea, die Tochter unserer Redaktionsmitarbeiter Lydia und Ralf Schäfer, hat eine geistige und körperliche Behinderung. Sie ist 30 Jahre alt und lebt seit neun Jahren in einer Wohngruppe des Körperbehindertenzentrums Oberschwaben (KBZO) in Ravensburg.

Als jemand, die bereits mehrere Lungenentzündungen hatte, ist Lea eine Corona-Risikopatientin. Jetzt aber hat das Covid19-Virus auch Lea erreicht. Die Eltern treffen eine Entscheidung, die unser Redakteur hier beschreibt.

Der Anruf kommt früh morgens

Montag, 8 Uhr: Ein Anruf der Integrativen Werkstätten Oberschwaben. Unsere Tochter Lea, die dort betreut wird und in einer Wohngruppe des KBZO Ravensburg lebt, ist getestet worden. Lea ist positiv. Was tun? – lautet die Frage.

Die Pflege- und Wohnheime für Menschen mit Behinderung oder Senioren sind überfordert. Nicht nur, dass überall Pflegekräfte fehlen und dringend gesucht werden, auch die Häuser als solche kommen an ihre Grenzen. Es gibt keinen Plan B, es klingt komisch, aber wer an Corona erkrankt, muss quasi weggesperrt werden. Das ist nicht böse gemeint und man kümmert sich auch sehr um diese Menschen.

Die Maßnahmen sind hart aber nötig

Die Maßnahme muss aber so sein, um alle anderen Bewohner zu schützen. Die Betroffenen werden isoliert, was prinzipiell nicht weiter schlimm wäre und auch sonst bei Corona-Patienten geschieht. Was aber, wenn man den erkrankten Patienten nicht begreiflich machen kann, warum das passiert und was da vor allem gerade geschieht? Unsere Tochter Lea wäre beinahe in diese Lage gekommen.

Wir kennen Lea. Sie ist der liebenswerteste Mensch auf diesem Planenten, tut niemandem etwas zuleide, es sei denn, man kommt ihrem Teller zu nahe. Sie hat fast immer gute Laune. Sie ohne ihr ersichtliche Gründe zu isolieren, käme dem Versuch gleich, einen Brummkreisel zum Stillhalten aufzufordern. Wir holen sie zu uns.

Und wie geht es jetzt weiter?

Montag, 15 Uhr: Lea turnt in der Wohnung herum und zieht sich jede Maske vom Gesicht, die wir ihr aufsetzen. Wir hingegen tragen konstant FFP2. Die Fenster sind geöffnet, Disney läuft und Lea hat ihr Abendessen schon mal begonnen.

Montag, 19.30 Uhr: Lea ist müde, will ins Bett, zumindest packt sie alles, was sie so zu gebrauchen gedenkt, in ihre Tasche. Mozarella, ein Glas Majonaise, Mineralwasser, Orangensaft, ein Stück Bergkäse, ein Lustiges Taschenbuch, ihren Becher, ihr iPad, bei der dritten Flasche Mineralwasser helfen wir tragen.

Es bleiben Fragen und eine Erkenntnis

In ihrem Zimmer schläft Lea schnell ein. Wir hingegen trinken noch ein Glas Wein und warten, was passiert. Bekommen wir jetzt auch Corona? Wie wird das verlaufen? Wir sind wie Lea dreimal geimpft, Angst vor schweren Symptomen haben wir nicht. Trotzdem stehen wir vor einem großen Fragezeichen.

Das Problem Covid ist mit der Entscheidung, Lea zu uns holen, nicht gelöst, es beginnt gerade erst. Ein Gedanke aber bleibt auf jeden Fall in meinem Kopf: Die einstigen Helden des Alltags, die in den Pflegeeinrichtungen dieses Landes ganz Großes geleistet haben und leisten, sind wieder vergessen. Sonst hätten die Einrichtungen nicht derartige Probleme.

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