Das Wolfgang-Borchert-Theater aus Münster zeigt „Ghetto“, ein Schauspiel mit Gesang von Joshua Sobol. Der jüdische Kinderchor wi
Das Wolfgang-Borchert-Theater aus Münster zeigt „Ghetto“, ein Schauspiel mit Gesang von Joshua Sobol. Der jüdische Kinderchor wird von Kindern und Jugendlichen aus St. Columban gespielt. (Foto: Lydia Schäfer)
Lydia Schäfer

Mit einem Knall hat das Wolfgang-Borchert-Theater aus Münster ihre Aufführung „Ghetto“ von Joshua Sobol im Graf-Zeppelin-Haus eröffnet. Der laute Auftakt lässt die Zuschauer zusammenzucken, SS-Mann Hans Kittel, Führer des Ghettos in Wilna, betritt die Bühne und mit ihm beginnt ein gut dreistündiges Schauspiel. Jüdisches Liedgut umrahmt das Drama, das mit offensichtlicher und subtiler Gewalt den Lebensalltag der jüdischen Internierten wiedergibt, beruhend auf wahren Geschichten. Es handelt von Selektion und Ausgrenzung – Themen, die an Aktualität nicht verloren haben.

Das karge Bühnenbild entspricht der Tristesse des Alltags. Lediglich ein schmuckloser Treppenaufbau, der an das Innere einer Fabrikhalle erinnert, bildet den Rahmen des Ghettos in Wilna, der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius. Hier leben Anfang der 40er-Jahre noch 16 000 Juden. Eingepfercht, hungernd und der Willkür des Nazi-Regimes ausgeliefert, kämpfen die Internierten mit ihren jeweiligen Mitteln ums Überleben. Die jüdische Sängerin singt, Schauspieler unterhalten mit Theaterstücken die Nazis und Näherinnen flicken zerissene Soldatenkleidung. Egal was – Hauptsache Arbeit, denn wer Arbeit hat, kann dem Schicksal ihrer 60 000 Glaubensgenossen entfliehen, die in den Jahren zuvor nach Ponar, einem heutigen Vorort Wilnas, deportiert und erschossen wurden.

Das ist dem Leiter der jüdischen Ghettopolizei Jakob Gens (Jürgen Lorenzen) bewusst. Er ist die eigentliche tragische Figur des Stücks, gefangen zwischen humanitärem Handeln und der Politik der Nazis. Einerseits schafft er Arbeitsplätze für die Juden, anderseits wird er von den Juden verachtet, denn er muss sich dem Willen Hans Kittels (Bernd Reheuser) beugen. Kittel ist kein Mann, den man zum Freund haben möchte. Zum Feind aber noch weniger. Sein perfider Sinn für Humor, gepaart mit einem ausgeprägten Sadismus, bedeuten für jeden eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Kittel und Gens feilschen mit süffisanten Worten um Menschenleben, als ob ein Kunde bei seinem Einkauf um ein paar Prozente handelt. Als Jude fühlt sich Gens seinem Volk verpflichtet, als Mensch will er retten, wen er retten kann, und als Leiter der Polizei muss er Vergehen innerhalb des Ghettos öffentlich ahnden, um nicht in Ungnade zu fallen.

Kinderchor aus St. Columban

Beispielhaft steht hier die Szene als der jüdische Kinderchor – in diesem Fall Kinder und Jugendliche der Chöre aus St. Columban und der Leitung von Marita Hasenmüller – ihr Lied „schtiler, schtiler lomir schweigen“ (Stille, Stille, lasst uns schweigen) vortragen. Hans Kittel weist Gens daraufhin, „dass Juden sich nicht vermehren dürfen“ und fordert Gens auf: „Wann hat ein Jude sich vermehrt? Wenn er ein Kind hat?“. Gens verneint. „Wenn er zwei Kinder hat?“, will Kittel wissen. Auch hier streitet Gens eine Vermehrung ab. Als Kittel die Frage nach dem dritten Kind stellt, räumt Gens widerwillig ein, das man dann von Vermehrung sprechen könnte. Woraufhin Hans Kittel jedes dritte Kind nach Ponar zum Erschießungskommando bringen lässt. Eine Schuld, mit der Gens kaum leben kann und letztendlich verabschiedet sich Kittel so, wie er aufgetreten ist: mit einem großen Knall, in dem er Gens und die Schauspieler erschießt, bevor er sich – das Kriegsende vor Augen – aus dem Staub macht.

Wer darf leben und wer nicht? Eine Frage, die den Ghettoalltag bestimmt. Das Stück treibt das Thema menschenverachtendes Handeln auf die Spitze und zeigt, was passieren kann, wenn Menschen zu Tieren werden. Anders lässt es sich kaum beschreiben, wenn sich Kittel beispielsweise im Theater amüsiert, während im Hintergrund eine Jüdin vergewaltigt wird. Es ist kein Stück für schwache Gemüter, denn die gut dreistündige Inszenierung geht unter die Haut. Ein Schauspiel, von dem Regisseur Meinhard Zanger sagt: „In Zeiten, wo in vielen Teilen Europas rechtsradikale Kräfte und der sogenannte alte Geist wieder aufflammt, ist es wichtig zu zeigen, was Ausgrenzung in seiner Spitze bewirken kann.“

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