Braucht bei der Ausstellungseröffnung in Friedrichshafen keinen Personenschutz: Birgit Mair.
Braucht bei der Ausstellungseröffnung in Friedrichshafen keinen Personenschutz: Birgit Mair. (Foto: Felix Kaestle)
Schwäbische Zeitung
Felix Kästle

Trio oder Netzwerk? Und ist eine totale Aufklärung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) überhaupt möglich? Etliche Fragen haben die Sozialwissenschaftlerin Birgit Mair bei ihrer Recherche umgetrieben, als sie sich mit dem Thema „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ beschäftigte. Das war vor drei, vier Jahren. Mittlerweile ist die gleichnamige Ausstellung bundesweit an mehr als 100 Orten zu sehen gewesen – jetzt zeigt sie die Volkshochschule =Friedrichshafen.

Mehr als ein Jahr Recherche steckt in der Ausstellung, unzählige Gespräche und Mails mit Betroffenen, Angehörigen, Rechtsanwälten. „Betroffen gemacht haben mich vor allem die Biografien der Opfer des NSU. Das hat mich bewegt“, sagt die diplomierte Sozialwirtin, die die Ausstellung im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung erstellt hat. Den Glauben an die totale Aufklärung, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert hatte, hat Mair längst verloren. „Dagegen sprechen die strukturellen Grenzen.“ So blockierten etwa Untersuchungsausschüsse. Das sei je nach Land ganz unterschiedlich.

Die Deutschen beschwichtigen

Fest steht für Mair, so ihre Erfahrung: In Deutschland gebe es die Tendenz, rechten Terror zu beschwichtigen. Zwei Wochen lang war Mair quer durch Deutschland gefahren, um mit Betroffenen, Angehörigen und Rechtsanwälten zu reden, Orte des Verbrechens aufzusuchen, Informationsquellen zu erschließen und Originaltöne zu sammeln. Vor allem: Mair wollte sich nicht auf Polizeiaussagen stützen, so wie andere Autoren, die lange vor ihrer Ausstellung Bücher zum Thema herausbrachten. Von neun Döner-Morden war etwa in der Bild-Zeitung die Rede. „Ich bin davon ausgegangen, dass die alle Döner verkauften. Doch letztlich taten das nur zwei der zehn Opfer“, wie Mair vor der Vernissage am Dienstag sagte. Nach Friedrichshafen kam Mair ohne Polizeischutz, in anderen Städten sei das anders. In Sachsen-Anhalt, wo die Ausstellung in der Polizeihochschule war, habe innerhalb des Geländes als Schmiererei gestanden: „Es lebe die NSU“. Daneben sei ein Hakenkreuz angebracht worden. Und in Rostock flog bei der Eröffnung ein Stein durchs Fenster.

Blick auf Neonazi-Szene

Und das gibt’s zu sehen: Die Ausstellung setzt sich auf 22 Tafeln mit den Verbrechen des NSU in den Jahren 2000 bis 2007 sowie der gesellschaftlichen Aufarbeitung nach dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrundes im November 2011 auseinander, heißt es seitens der Aussteller. Im ersten Teil werden die Biografien von Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Mehmet Turgut, Habil Kilic, Ismail Yasar, Mehmet Kubasik, Theodoros Boulgarides, Halit Yozgat und Michele Kiesewetter dargestellt. Zu Wort kommen auch Angehörige der Mordopfer. Weitere Tafeln beschäftigen sich mit den Bombenanschlägen in Köln sowie den Banküberfällen, bei denen unschuldige Menschen teilweise lebensbedrohlich verletzt wurden.

Der zweite Teil beleuchtet die Neonaziszene der 1990er-Jahre sowie die Hilfeleistungen an den NSU-Kern aus einem neonazistischen Netzwerk. Dargestellt werden auch die Gründe, warum die Mordserie nicht aufgedeckt wurde sowie der gesellschaftspolitische Umgang mit dem Themenkomplex nach dem Auffliegen der neonazistischen Terrorgruppe am 4. November 2011.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis 21. Oktober, jeweils montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr und samstags von 8 bis 13 Uhr. Weitere Infos gibt’s im Internet unter

www.opfer-des-nsu.de

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen