Schwäbische Zeitung

Vor 20 Jahren hätte man die Gründer der Berliner Firma Mikili vermutlich leicht mitleidig belächelt. 250 Euro für ein Holzregal zu verlangen, das einzig und allein dem Zweck dient, ein Fahrrad an die Wand zu hängen, diese Geschäftsidee klingt absurd angesichts des gesellschaftlichen Stellenwerts, den das Fahrrad an sich damals hatte.

Fahrräder waren entweder Sportgeräte oder wurden bevorzugt von Menschen benutzt, die a) aus ökologischen und gesundheitlichen Aspekten aufs Auto verzichteten, sich b) kein Auto leisten konnten oder c) auf einer Party etwas mehr Bier trinken wollten, als es Autofahrern erlaubt ist. Dass die Zeiten sich geändert haben und das Fahrrad seitdem einen bemerkenswerten Imagewandel vollzogen hat, wird deutlich, wenn man in diesen Tagen über die Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen schlendert.

Öko-Mobil für Weltverbesserer, das war gestern. Das Fahrrad von heute, ob mit oder ohne Elektromotor, gilt einerseits als clevere Alternative zum Auto im städtischen Nahverkehr, andererseits ist es ein Lifestyle-Produkt. Schick und teuer und deshalb zu schade, um draußen auf der Straße am Laternenmast angeschlossen, im dunklen Keller oder der miefigen Garage abgestellt zu werden. Sebastian Backhaus besitzt gleich fünf Fahrräder, die er direkt in der Wohnung aufbewahrt. Weil es bislang keine Wandbefestigungen gab, die dem Lifestyle-Charakter der Räder auch nur ansatzweise gerecht werden konnten, hat er zusammen mit Leopold Brötzmann die Firma Mikili gegründet. Und verkauft jetzt Design-Wandhalterungen für Fahrräder.

Der Modellname „Kappô“ klingt zwar ein bisschen nach schwedischem Möbelhaus, doch offenbar gibt es nicht nur in Berlin genügend Gleichgesinnte, die bereit sind, 250 Euro für ein solches Holzregal hinzublättern. „In meinem Freundeskreis kenne ich niemanden, der noch ein Auto hat“, sagt Backhaus.

Ähnliches berichtet Tobias Spindler, Kommunikationschef beim Fahrradhersteller Riese und Müller, aus dem vergleichsweise beschaulichen Darmstadt. „Ich kenne Leute, bei denen geht der Trend zum Zehntrad“, erzählt Spindler. Teilweise werde das Fahrrad bereits passend zum Anlass und zum Outfit ausgewählt. Das Fahrrad als Statussymbol? Spindler nickt. „Wenn Papa seinen Spross im 911er vor dem Kindergarten vorfährt, wird er heute eher despektierlich angeschaut. Kommst du mit einem Familientandem, gibt’s staunende, bewundernde und anerkennende Blicke.“

„Der Radweg ist ein Catwalk“, sagt auch Gunnar Fehlau, Branchenkenner und Herausgeber des Fahrradkulturmagazins „fahrstil“, das ohne diesen radikalen Imagewechsel des Fahrrads sicher ebenso wenig existieren könnte wie die Firma Mikili. Auch wenn es im ersten Moment paradox klingen mag: Entscheidenden Anteil an diesem Imagewechsel hat die Elektrifizierung des Fahrrads. Paradox, weil das Ur-E-Bike von einem Lifestyle-Produkt ungefähr so weit entfernt war wie Jan Ullrich im Jahr 2012 von einem Comeback bei der Tour de France.

Dafür haben die elektrischen Hilfsmotoren eine deutliche Erweiterung der Zielgruppe ermöglicht. „Auf einmal konnte man im Verkehr mitschwimmen ohne ins Schwitzen zu geraten“, sagt Fehlau. So kann der Manager gleich morgens Anzug und Krawatte anlegen und trotzdem mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Und ist dabei in der Stadt für gewöhnlich auch noch schneller am Ziel als mit dem Auto. Die Parkplatzsuche spart er sich ebenfalls.

Vom Image des Senioren-Fahrrads haben sich die E-Bikes der neuesten Generation längst emanzipiert. Die Grenzen scheinen sogar bereits zu verschwimmen. Die Schweizer Firma MTB Cycletech bringt jetzt zum Beispiel ein puristisch designtes Pedelec (Fahrrad mit unterstützendem elektrischen Hilfsmotor) auf den Markt, dem man den Elektroantrieb auf den ersten Blick gar nicht ansieht. Zumindest empfindet man ihn optisch nicht als störend. „Bei diesem Bike spielt es keine Rolle mehr, ob es einen Motor hat. Es ist einfach ein cooles Bike“, sagt Roland Fischer, Verkäufer bei MTB Cycletech. Klar gebe es immer noch sportlich orientierte Radler, die beim Stichwort E-Bike die Nase rümpfen. Junge, kreative Menschen, die in der Stadt leben und Wert auf Stil und Design legen – das ist die Zielgruppe, die angesprochen werden soll – haben mit dem „E“ dagegen kein Problem mehr. Ganz im Gegenteil: Im „e-Jalopy“, so heißt das Modell, befindet sich sogar noch eine ganze Menge mehr „E“ als in einem gewöhnlichen Pedelec. Denn es kommuniziert sozusagen mit dem Smartphone seines Besitzers. Zum Beispiel verrät das Bike ihm, wo es sich aktuell befindet – etwa für den Fall, dass man es nach durchzechter Nacht nicht mehr alleine wiederfinden sollte.

Gesund, ökologisch und jetzt also auch noch hip? „Das Fahrrad hat keine natürlichen Feinde mehr“, sagt Gunnar Fehlau. Naja, einen vielleicht doch noch: den Geldbeutel: Denn arg viel billiger als ein Zweit-Auto ist das funktionale, stylische Lifestyle-Fahrrad von heute nicht unbedingt. Wenn sich der Trend zum Zehntrad eines Tages in der Breite durchsetzen sollte, ohnehin nicht.

Am morgigen Samstag, 1. September, öffnet die Eurobike auf der Messe Friedrichshafen ihre Türen auch für Endverbraucher, und zwar von 9 bis 18 Uhr. Bilder, Videos, eine tägliche Kolumne und noch einiges mehr zum Thema Eurobike finden Interessierte im Internet auf der Seite schwäbische.de/eurobike und auf Facebook in der Gruppe „Abgedreht – die SZ rockt die Eurobike“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen