Der Meistermacher
Der Meistermacher
Schwäbische Zeitung

Wer in Deutschland über Volleyball spricht, landet schnell beim Namen Moculescu. Am Bodensee sind die beiden Begriffe sogar nahezu deckungsgleich. Seit der Trainer 1997 nach Friedrichshafen gekommen ist, sind 20 nationale Trophäen in die VfB-Vitrine gewandert. Heute in Unterhaching könnte die 21. dazu kommen. Gerade rechtzeitig zum Sechzigsten morgen.

Von unserem Redakteur

Bernd Hüttenhofer

„Einen Moment mal, ich muss dem Jungen da nur schnell was zeigen.“ Stelian Moculescu zitiert einen der drei Knirpse zu sich, die in der Unterhachinger Sportarena mit einem Volleyball übers Spielfeld tollen. Auf Rumänisch gibt er Anweisungen, wirft dem Kurzen den Ball zu und lässt ihn pritschen. Als die kleine Lektion beendet ist, erklärt er begeistert: „Das ist der Sohn von Mihai, er ist unwahrscheinlich begabt. Ich hab‘ ihm heute was gezeigt, sofort macht er das.“

So ist er, der „Stelu“, Volleyball ist sein Leben. Vermutlich könnte man ihn mitten in der Nacht wecken und nach dem technisch einwandfreien Blockspiel fragen – er wäre sofort hellwach und würde loslegen. So wie bei Eric, dem Sohn von Mihai Paduretu. Der ist wie er in Rumänien geboren und war mal sein ehemaliger Spieler beim ASV Dachau.

Titel, Titel, Titel

Nun ist Paduretu sein größter Konkurrent und versucht, seinem früheren Lehrmeister den Meistertitel abzujagen. Moculescu und sein VfB müssen heute gewinnen, so wie am Mittwoch zuvor, als er Paduretus Sohn hinterher die kleine Trainingseinheit zukommen ließ, dann ist die Sache wieder mal gelaufen für den großen Titelsammler; es wäre der elfte Meistertitel mit dem VfB, der sechste in Folge, der siebzehnte in Deutschland. Hinzu kommen achtzehn Pokalerfolge, der Gewinn der Champions League 1997 und die Olympiateilnahme der deutschen Männer 2008, die erste seit den Spielen 1972.

Damals in München hat alles angefangen mit Moculescu und Deutschland, damals hat er seinem Leben die entscheidende Wende gegeben. Gerade mal 22 Jahre alt, ist der Zuspieler der rumänischen Nationalmannschaft früh morgens aus dem Quartier geschlichen und hat sich abgesetzt. „Von dem Tag an, als klar war, dass 1972 in München Olympische Spiele stattfinden, wusste ich, dass ich abhauen würde.“ Einen größerer Kommunistenhasser als Moculescu lässt sich schwerlich finden, Rumänien hat ihn geprägt. Seither ist er gefeit gegen jegliche sozialistische Romantisiererei. „Dieses System konnte ich nie ausstehen. Ich wünsche jedem, der sich danach sehnt, dass er mal drei, vier Jahre in einem solchen System lebt, dann hätten wir einen Haufen Meckerer weniger.“

Moculescu ist im Banat in Temesvar aufgewachsen, an der ungarisch-jugoslawischen Grenze, seine Kindheit in der vielköpfigen Großfamilie mit der Verwandtschaft bezeichnet er als „glücklich“. Ungetrübt war sie nicht, die Mutter ist an den Falschen geraten. „Des war a Depp“, sagt Moculescu in der schnoddrigen, unverblümten Art, die ihm zu eigen ist. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann tut er es, wenn ihm einer nicht passt, dann sagt er es ihm. Diplomatische Verrenkungen sind seine Sache nicht. „Ich war immer schon direkt“, sagt er, und dass er seinen Vater vier-, fünfmal getroffen habe. „Das hat mir gereicht.“

Er hat die Lehren für sich gezogen. „Wenn man Kinder in die Welt setzt, hat man auch ‘ne verdammte Verantwortung.“ Seine drei Kinder sind alle wohlgeraten, Golflehrer der Sohn, Stewardess die eine Tochter, Versicherungsangestellte die andere, alle in München zu Hause. Auch privat hat Moculescu das Gück gezwungen, seine Frau hat zuerst einen andern geheiratet, und bei der Hochzeit hat der Gast Stelian Moculescu der Braut naßforsch mitgeteilt, dass er dieser Ehe nicht länger als ein Jahr gibt. Im April 1976 war das, im November ist er bei seiner Gabi eingezogen, im Januar hat sie sich scheiden lassen und im Mai den Stelian geheiratet. „Es war mein größtes Glück, dass ich diese Frau kennengelernt habe.“

15 Jahre Maloche

Seine Gabi hat ihn durch dick und dünn begleitet, durch die schwere Anfangszeit, als er, der Hochbau studiert hatte, bei einer Baufirma tätig war und Volleyball nur ein Nebenjob, der kaum Geld eingebracht hat. Um 5 ist er aufgestanden und um 12 in der Nacht heimgekommen. Bis 1987 ging das so, dann hat er das Hobby zum Beruf gemacht und begonnen, die Ernte einzufahren. Besonders gut traf es sich da, dass der VfB Friedrichshafen 1997 einen suchte, der wusste, was nötig ist zum Erfolg. „Ich hab hier ‘ne Stadt gefunden, wo Volleyball akzeptiert ist. Wir haben hier Geschichte gemacht – da bin ich schon ein bisschen stolz drauf.“

Seine Beliebtheit bei der Konkurrenz hat das nicht gesteigert, gegen ihn und den VfB gibt es ähnliche Ressentiments wie im Fußball gegen Bayern München. „Wenn du erfolgreich bist, dann hast du Neider, manche können damit nicht umgehen“, sagt er, gibt aber zu, dass er mit seiner direkten Art schon Leute vor den Kopf gestoßen hat. „Eine gewisse Selbstkritik muss man ja auch haben. Ich war bestimmt früher sehr dominant. Eine gewisse Arroganz muss man haben – ich bin so erzogen worden.“

Wie bei Uli Hoeneß und den Bayern ist das: raue Schale, weicher Kern. Mit seinen Spielern pflegt Moculescu einen herzlichen Umgang, und nichts ist ihm wichtiger, als die Anerkennung, die er dafür zurückkriegt. Ein alter Freund, den die rumänischen Kommunisten in die Trunksucht getrieben hatten, steht noch heute dankbar Gewehr bei Fuß für den Fall, dass Not am Mann sein sollte. Moculescu hat ihm quasi das Leben gerettet, ihn rausgeholt aus dem Elend und ihm in Deutschland zu einer neuen Existenz verholfen. So wie der Frau Mama, die längst in München lebt. „Das sind so die Dinge, auf die ich äußerst stolz bin.“

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