Die Gesichter hinter dem Frühstücksbus (von links): Billy Contreras, Konstantin Veit, Johanna Reichel und Lena Reiner vom Verei
Die Gesichter hinter dem Frühstücksbus (von links): Billy Contreras, Konstantin Veit, Johanna Reichel und Lena Reiner vom Verein „Frühlingserwachen“. (Foto: Harald Ruppert)
Schwäbische Zeitung

Einfach zuhören. Das ist eine Kunst, auf die sich heute immer weniger Menschen verstehen. Stattdessen wird das Klima rauer. Es gibt einen Trend zur Empörung und zur Verabsolutierung des eigenen Standpunkts, der zum Widerspruch reizt; gerade in Zeiten, in denen sich die politischen Meinungen radikalisieren. Zudem kommen Menschen weniger ins Gespräch als früher. Mit dem Blick aufs Smartphone und aufgesetzten Kopfhörern wird der öffentliche Raum zur abgeschotteten privaten Zone. Außerdem schwinden die Orte der Begegnung. Der Einkauf läuft übers Internet, Innenstädte verlieren ihren Charakter und Vereinsamung wird zu einem Thema, das die politischen Parteien alarmiert.

Raum für Austausch schaffen

Unter diesen Vorzeichen eröffnet der Verein „Frühlingserwachen“ einen Raum, der Begegnung und Austausch ermöglichen soll. Sieben Tage lang, von 22. bis 28. April, fährt ihr „Frühstücksbus“ verschiedene Plätze in Friedrichshafen an. Morgens gibt es ein Brezel-Frühstück, nachmittags Kuchen – und natürlich Gelegenheit zu Gesprächen. „Wir machen das schon im dritten Jahr“, sagt Lena Reiner, „und es kommt eine sehr, sehr bunte Menschenmischung“. Sie fährt fort: „Die Gespräche sollen auf Augenhöhe ablaufen. Egal, ob man einen Wohnungslosen vor sich hat oder einen Banker.“ Diese „bunte Menschenmischung“ soll auch den Austausch miteinander finden. Wenn schließlich Leute miteinander reden, die sich im Alltag nicht einmal begegnen würden, ist ein wichtiges Ziel von Frühlingserwachen erreicht: ein Stück Zivilgesellschaft herzustellen.

Eine Einladung zum vorurteilslosen Gespräch kann entwaffnend wirken. „Die AfD läuft eher vor uns davon“, sagt Billy Contreras. „Dass man ihnen einfach mal zuhört, sind AfD-Anhänger nicht gewohnt. Sie erwarten, dass man ihnen Kontra gibt.“ Trotzdem kommen auch Menschen, die sich provoziert fühlen von der scheinbaren Naivität der Multi-Kulti-Propagandisten. Für ein buntes Friedrichshafen setzen sie sich ein, in dem jeder und jede sich integriert und aufgehoben fühlt. Wer sich beim Frühstücksbus als Mitarbeiter engagiert, durchläuft deshalb vorher einen Kommunikations- und Deeskalationsworkshop mit „Coolnesstrainer“ Christoph Kuhlmann. Auch ein Training in gewaltfreier Kommunikation ist Teil der Vorbereitungen.

Die Aktivisten haben sich bewusst dagegen entschieden, den Frühstücksbus zum Ort argumentativer Auseinandersetzungen zu machen. „Eine an Fakten orientierte Argumentation ist nicht zielführend“, sagt Konstantin Veit. „Sorgen und Ängsten ist mit Argumenten nicht beizukommen.“

Wer einem emotional aufgeladenen Menschen mit Rationalität begegnet, bestätigt nur sein Gefühl, nicht verstanden zu werden und verstärkt so seine Abwehr, anstatt sie zu schwächen. Ist der Dampf dagegen erst mal abgelassen worden, ohne auf Widerstand zu treffen, werden Gespräche möglich, hat man bei „Frühlingserwachen“ erfahren. Angestrebt wird keine falsche Harmonie, sondern ein respektvoller Umgang miteinander. „Vielfalt“, sagt Billy Contreras, „kann auch ohne Konsens funktionieren“.

Nicht mal ein Spendenschwein

Das Angebot des Frühstücksbusses ist so niederschwellig wie möglich: Speisen und Getränke sind kostenlos. Nicht mal ein Spendenschwein wird aufgestellt, damit Menschen mit schmalem Geldbeutel nicht unter Druck geraten. Möglich wird das durch viele Unterstützer, zu denen auch die Stadt Friedrichshafen zählt. Mit 800 Euro unterstützt sie den Frühstücksbus. 1500 Euro steuert die Lena-Weiß-Stiftung der Meckatzer Brauerei bei, vom Weltladen Friedrichshafen stammt wiederum der fair gehandelte Kaffee.

Inzwischen hat sich der „Frühstücksbus“ zum Exportmodell entwickelt: So wurde der Frühstücksbus in Erfurt 2017 mit dem zweiten Preis des Thüringer Demokratiepreises ausgezeichnet. In Schorndorf, Berlin, München, Darmstadt, Hamburg oder Luzern gibt es Ansätze, ebenfalls „Frühstücksbus-Initiativen zu gründen. Der Impuls ist überall derselbe: „Es geht darum, zuzuhören und bestehenden Problemen von Menschen Raum zu geben“, sagt Konstantin Veit.

Der Frühstücksbus macht Station

Sonntag, 22. April, 9.30 bis 12 Uhr an der St.-Magnus-Kirche in Fischbach

Montag, 23. April, 7 bis 11 Uhr am Vorplatz des Stadbahnhofs

Dienstag, 24. April, von 9 bis 13 Uhr vor der Kirche St. Columban (Paulinenstraß)e sowie von 15 bis 17 Uhr am Mini Mix (Eckenerstraße 27)

Mittwoch, 25. April, von 7 bis 11 Uhr am Hafenbahnhof in Richtung Edeka

Donnerstag, 26. April, von 8 bis 12 Uhr auf dem Ailinger Wochenmarkt

Freitag, 27. April, von 8 bis 12 Uhr am Bodenseecenter sowie von 13 bis 16 Uhr vor dem "Fairkauf" im Innenhof der Paulinenstraße 35

Samstag, 28. April, von 10 bis 14 Uhr Abschlussveranstaltung auf dem Schlemmermarkt mit Grußworten und Livemusik.

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