Der Universitätsmusikdirektor der Uni Leipzig, David Timm, bestreitet das erste Konzert beim Orgelherbst in St. Nikolaus.
Der Universitätsmusikdirektor der Uni Leipzig, David Timm, bestreitet das erste Konzert beim Orgelherbst in St. Nikolaus. (Foto: Gert Mothes)
Gerd Kurat

Schon lange wollte Nikolai Gersak den studierten Kirchenmusiker David Timm in Friedrichshafen präsentieren. Dem ehemaligen Thomaner, Pianist, Organist, Chorleiter und Jazzmusiker eilt der Ruf eines hervorragenden Improvisators voraus. Einen kleinen, aber faszinierenden Einblick in die Welt des freien Orgelspiels bekamen die Zuhörer in St. Nikolaus am Sonntagabend zu hören.

Das Programm des heutigen Universitätsmusikdirektors der Universität Leipzig und Leiter des Leipziger Universitätschors bestand ausschließlich aus Werken des großen Johann Sebastian Bach. Eine viersätzige Orgelsinfonie über Themen des barocken Altsmeisters verdeutlichte gleich zu Beginn das singuläre Verständnis des Leipziger Organisten über Improvisation: Nicht die Veränderung von Rhythmik oder Harmonik des Originals, dazwischen ein paar virtuose Einschübe, sondern die musikalische Entwicklung aus einem kleinen Motiv heraus führt zu einer eigenständigen Aussage.

Nicht ganz einfach für die Zuhörer, dafür aber umso spannender, die Vorlage noch herauszuhören. Deutlich die Vorstellung des „Thema regium“ (Königliches Thema) aus dem Musikalischen Opfer in der „Fantasie“ des ersten Satzes. Die Fortführung mit fallenden Linien bis ins Pedal im Wechsel mit wuchtigen Akkordblöcken, die farbenreiche Registrierung und die kontrapunktische Verwebung gaben den Charakter der Vorlage trefflich wieder. Auch im zweiten Satz „Adagio“ über das „Agnus Dei“ aus der h-Moll-Messe, die berühmte Alt-Arie, stand die zurückgenommene, dunkel gefärbte Stimmung im Fordergrund. Das „Scherzo“, in hellen Farben, lebte von lang ausgesponnenem, vorwärts drängendem Musizieren über das Präludium a-Moll BWV 543. Schön abgesetzt der Mittelteil mit ruhigem Tempo, Echowirkungen und reichhaltiger unterstützender Registrierung. Prunkvoll versteckt waren die Motive aus dem Ohrwurm „Toccata und Fuge d-Moll“ im letzten Satz. Immer in durchgängiger Bewegung, virtuosem Stimmengeflecht und einer langer Steigerung wurde der Fortissimo-Höhepunkt erreicht. In einer Art Coda setzte Timm mit dem mächtigen Thema aus der Fuge C-Dur im vollen Werk einen grandiosen Schluss.

Hinter „WK I Cism“ im Programm versteckte sich eine Jazzadaption des Präludiums aus dem Wohltemperierten Klavier in cis-Moll. In magischem Fluss, harmonisch frei und zarten Pastellfarben entstand eine ruhige, meditative Grundstimmung. Mit leichten Schlenkern, kleinen Skalen und Einsatz des Schwellwerks erweiterte Timm den Schluss zu vollem Klang.

„Cube“ und „How High The Song“, die Improvisationen nach den Wünschen aus dem Publikum, erklangen fast wie eine perfekte Big Band. Den Schlusspunkt setzte David Timm nochmals mit der „Toccata und Fuge d-Moll“. Nach perfektem Swing mit Walking-Bass, rhythmischen Patterns und aufgefüllten Jazz-Harmonien bedankte sich das zahlenmäßig eher kleine Publikum mit umso stärkerem, lang anhaltendem Applaus.

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