Teilweise müssen Pendler jedoch deutlich länger als fünf Minuten auf ihren Zug warten...
Über Verspätungen regen sich viele Pendler auf. (Foto: Christina Mikalo)
crossmediale Volontärin

Freitagmorgen, 7.12 Uhr am Bahnhof Markdorf: Der Zug nach Friedrichshafen hat Verspätung. 30 Minuten zeigt die Anzeigetafel an. Eine Stellwerkstörung soll der Grund sein.

Szenen wie diese, so Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamtes Bodenseekreis, seien keine Seltenheit für die Nutzer der Bodenseegürtelbahn, deren Strecke von Radolfzell über Salem bis nach Lindau entlang des nördlichen Seeufers verläuft. Oft erreichen das Amt Beschwerden von Fahrgästen, die sich auf der Strecke über ganz unterschiedliche Erlebnisse ärgern. Schwarz ist selbst Pendler, kennt und bestätigt die Erzählungen von überfüllten Zügen, Zugausfällen und veralteter Technik – ganz zu schweigen von den Verspätungen, „die fast schon zum Tagesgeschäft der Bahn gehören“.

Besonders zu den Stoßzeiten zwischen 7 und 8 Uhr morgens sowie am frühen Freitagnachmittag sei die Lage schlimm. Letztlich hat die Kreisverwaltung jedoch keine Entscheidungsgewalt über die Bodenseegürtelbahn. Sie leitet die Klagen deshalb an die Zuständigen von Land und Bahn weiter und hofft, dass sich etwas tut.

Unzufriedene Fahrgäste

Jürgen Koch ist einer der Pendler, die sich über die Bodenseegürtelbahn ärgern. Nach 30 Jahren hat er sein Abonnement bei der Deutschen Bahn gekündigt, weil deren Service „eine Zumutung hoch zehn“ sei. Um die Zustände in den Zügen zu beschreiben, genügt Koch ein Wort: „katastrophal.“ Andere Fahrgäste bleiben zurückhaltender.

Friederike Mayer fährt seit Oktober mit dem Zug um 7.12 Uhr zur Arbeit nach Friedrichshafen. „Ein paar Minuten Verspätung hat die Bahn fast immer“, sagt sie. Auch seien die Abteile wegen der Kinder, die um diese Zeit zur Schule müssen, meist sehr voll. Trotzdem möchte Mayer weiter mit den Zügen fahren, weil ihre Arbeitsstelle nur drei Minuten vom Bahnhof Friedrichshafen entfernt liegt.

Technische Probleme

Als um etwa 7.20 Uhr eine Bahn in Markdorf eintrifft, die in Richtung Lindau fährt, steigen Koch, Mayer, andere Pendler und Schüler in sie ein. Etwa 20 Minuten später trudelt der Zug am Bahnhof ein, der ursprünglich um 7.12 Uhr abfahren sollte.

Im Abteil sind sowohl die Temperaturen als auch die Gemüter unterkühlt. „Nicht mal heizen können die“, schimpft eine Frau und reibt sich die Hände. Auch die Sauberkeit im Zug lässt zu wünschen übrig. Sitze und Fenster sind in gutem Zustand, allerdings haben sich auf dem Boden Wasserflecken gebildet. Woher sie stammen, ist unklar. Die Zug-Toilette kann nicht Schuld sein: Sie ist sauber und funktioniert, abgesehen von der Tür, die sich nur mit einigem Kraftaufwand schließen lässt.

Zahlreiche Beschwerden zu den Toiletten und der Sauberkeit und zum generellen Zustand der Waggons erreichen das Landratsamt wöchentlich. Bei mancher E-Mail von den Bahnkunden habe auch Landrat Lothar Wölfle den Eindruck, dass sich die Situation weiter verschlechtert - das sagte er im Gespräch mit der SZ. Dabei gehe es nicht nur um den Zustand der Züge, sondern auch um Verspätungen. „Die größten Probleme gibt es zwischen Markdorf und Friedrichshafen“, sagte Wölfle im September.

Wir bitten, dies zu entschuldigen“

Oft gehörte Durchsage auf der Bodenseegürtelbahn

Um etwa 7.54 Uhr erreicht der Zug den Häfler Stadtbahnhof – anstatt wie geplant um 7.24 Uhr. Die Fahrgäste stürmen aus dem Abteil. Einige müssen ihren Anschluss bekommen. Etwa zur gleichen Zeit erreicht den Stadtbahnhof eine Bahn, die über Markdorf zurück nach Radolfzell fährt. Auch auf dieser fährt der Zug verspätet los: 22 Minuten seien wegen einer vorherigen Bahn verloren gegangen, die ebenfalls unpünktlich war, ertönt die Ansage. „Wir bitten, dies zu entschuldigen.“

Um Verzeihung bitten muss das Bahnpersonal seine Fahrgäste oft. Dabei sind meist nicht die Mitarbeiter Schuld daran, dass bei der Bodenseegürtelbahn wenig nach Plan läuft. Zuständig sind vielmehr das Land und die Bahn in Stuttgart.

Doch obwohl sich Lothar Wölfle in der Vergangenheit mehrmals an sie gewandt hat und diese eine Verbesserung der Situation versprochen haben, ist bislang kaum etwas passiert. Auch ein Treffen in Stuttgart mit Vertretern von Land und Bahn gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Verkehrsbundes Bodo, Jürgen Löffler, im Januar dieses Jahres führte bisher zu keinem Ergebnis.

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Womöglich haben sich einige Fahrgäste daher schon mit dem Zug-Chaos abgefunden. Kaum jemand reagiert mit Wut auf die Verspätung. Nicht einmal ein älterer Herr, der von seinem Platz aufstehen und eine Zugtür per Hand schließen muss, weil die Automatik nicht funktioniert, ärgert sich hörbar.

Stille herrscht auch unter den anderen Passagieren, als der Zug kurz vor Markdorf langsamer wird und schließlich zum Stehen kommt. Nach kurzem Stopp geht es ohne Erklärung weiter. Um etwa 8.13 Uhr kommt der Zug in Markdorf an.

Er erreicht Gleis 3 anstatt wie vorgesehen Gleis 2, da dieses schon von einem anderen Zug der Bodenseegürtelbahn besetzt ist, der nach Friedrichshafen fährt. Er ist deutlich voller als der, der um kurz nach 7 Uhr aus Markdorf losgefahren ist. Einige Passagiere müssen in den Abteilen stehen. Auch dieser Zug, der um 8.08 Uhr abfahren soll, verspätet sich. Bis auf das W-LAN, in das sich Fahrgäste schnell und reibungslos einloggen können, klappt am Freitagmorgen wenig mit der Bodenseegürtelbahn.

Es bleibt Hoffnung: Nach wiederholten Anfragen von Wölfle haben Bahn und Land nun reagiert und einen Termin für eine Informationsveranstaltung zur Bodenseegürtelbahn gefunden. Außerdem gab das Verkehrsministerium in der vergangenen Woche bekannt, dass es fünf neue Züge für die Strecke der Bodenseegürtelbahn bestellt habe. Überfüllte Personenzüge sollen ab Mitte 2019 nicht mehr zum Alltag gehören.

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