Das Musiktheater wächst über sich hinaus

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Am Ende liegen sich Adina und Nemorino endlich in den Armen und das Publikum spendet Ovationen: Dem Musiktheater Friedrichshafen gelingt mit Gaetano Donizettis Oper „Der Liebestrank“ eine der kreativsten und unterhaltsamsten Produktionen seiner Geschichte. Das liegt nicht zuletzt am Chor und dem Orchester des Musiktheaters selbst.

Der Chor war in den Produktionen der vergangenen Jahre zunehmend schauspielerisch gefordert, aber nie so intensiv wie nun im „Liebestrank“ unter Regie von Annette Lubosch. Sie verlegt die Handlung, in der ein armer Bauer lange erfolglos um eine reiche Gutsbesitzerin buhlt, in die 1950er-Jahre, vom ländlichen Italien des 19. Jahrhunderts in ein mondänes Seebad. Aus Adina wird dessen schöne Pächterin, aus Nemorino ein ungebildeter Handwerker – und der Chor mimt die gesamte Gesellschaft, die in diesem Bad zusammenkommt: ein Mafiaboss, glamouröse Damen, Gäste in Badehosen, Nonnen mit Jungs im Schlepptau, Dauerläufer, Tänzer, ein Paparazzo – der Bilderbogen mit prächtigen Kostümen nimmt kein Ende. Man fühlt sich wie in einer Ausstattungskomödie in Technicolor. Durchzogen ist sie von einem stummen Humor, der sich am Rand der Szenen abspielt. Im wunderschönen Duett „Frag, warum der milde Zephir“ betet nicht nur Nemorino die unerreichbare Adina an, sondern auch der würdige Pfarrer eine Schönheit im Badeanzug - die sich willig zeigt. Nicht nur hier kommt beim Publikum Lachen auf. Auch, wenn wohlbeleibte Badegäste ins Wasser springen und Schilder mit der Aufschrift „Splash“ den satten Klatscher anzeigen; oder wenn Adina in einer Vollmondnacht sehr spät ihre Liebe zu Nemorino erkennt und im Hintergrund armdicke Joints für eine Erfüllung anderer Art sorgen. Die Mitglieder des Chors kommentieren so mit freundlicher Ironie die schöne Oberfläche einer ziemlich dekadenten Gesellschaft, in der nur Lug und Trug wahren Gefühlen zum Erfolg verhelfen können: in Gestalt des Wunderdoktors Dulcamara. Der Liebestrank dieses Beutelschneiders ist ein Placebo, der Blockaden löst. Adina gibt so schließlich dem eitlen Kapitän Belcore den Laufpass und erhört Nemorino. Dass dabei keiner weiß, wie ihm geschieht, ist die geschliffenste Pirouette: Am Ende glaubt selbst Dulcamara an die Kräfte seines wirkungslosen Tranks.

In seiner sängerischen Gesamtheit ist der Chor nicht weniger stark als in der schauspielerischen Verkörperung einzelner Rollen. Als naseweiser Frauenchor, der die neuesten Gerüchte hören will, als beschwingt tanzende Gesellschaft, die den armen Nemorino für seine aussichtslose Liebe verspottet, oder als Menge, die Dulcamaras Künste fulminant bejubelt - der Chor findet immer entschlossen zu seinem Ausdruck. Es gibt keine Steifheiten, keine Zögerlichkeit, auch keine Unsicherheit bei den Einsätzen. Die ungezügelte Freude und Pracht, die der Chor als Hochzeitsgesellschaft verstrahlt, tritt einen Applaus los, der deutlich macht, wie gut es um dieses Ensemble bestellt ist, in dem auch wieder zahlreiche Kinder und Jugendliche der Chöre St. Columban mitwirken.

Das Orchester unter Leitung von Pietro Sarno verzaubert das Publikum so gründlich wie Dulcamara die Badegäste - und versteht sich wie dieser auf Tricks: Es schmuggelt den berühmten Tristan-Akkord in die Musik, just als Nemorio bei Dulcamara um den Liebestrank bittet, der zwischen Tristan und Isolde seine Wirkung tat. Donizetti kann Richard Wagners Akkord allerdings nicht zitiert haben - Wagner schrieb ihn 33 Jahre nach der Uraufführung von Donizettis Oper. Ansonsten zeigt sich der Orchester als Verwandlungskünstler. Ohne Brüche fließt und schwelgt es im Reichtum der Melodien, so wie auch der Belcantogesang der Solisten dahinfließt. Es trillert in fast mozartschem Übermut, ohne die Solisten zu überdecken. Durchsichtig entfaltet es in der Romanze des Nemorino aber auch Trauer und Sehnsucht.

Diese Romanze ist der bewegendste Auftritt von Andreas Stauber als Nemorino. Eine Arie der Liebesqual, die tief nachwirkt, weil sie unpathetisch angegangen wird. Jennifer Jakob als Adina ist eine Meisterin schwierigster Koloraturen, die Gutherzigkeit und schnippische Selbstüberschätzung auszubalancieren weiß. Für Georg Klimbacher ist Belcore eine Glanzrolle: Die Koloraturen des Gigolos gehen ins Gockelhafte, jede Geste ist narzisstisch. Torsten Frisch als Dulcamara ist ein Faszinosum. Abgründig und manipulativ gelingt ihm dieser betrogene Betrüger, sein Bariton legt den aufschneiderischen Charakter seiner Figur offen. Francesca Motta als Amaradulca wird zum traurigen Clown, die unter ihm leidet wie einst Gelsomina unter Zampano in Fellinis „La Strada“. Alexa Vogel als Gianetta wiederum überglänzt viele Chorstellen mit ihrem frischen Sopran und ist durch ihr Mienenspiel ein Ausbund an Witz.

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