Das alte Friedrichshafen im Kalender-Format

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 Martin Kohler mit den Kalendern zu Friedrichshafen, Ailingen/Berg und Fischbach. Hier der alte Fischbacher Campingplatz.
Martin Kohler mit den Kalendern zu Friedrichshafen, Ailingen/Berg und Fischbach. Hier der alte Fischbacher Campingplatz. (Foto: Harald Ruppert)

Ein Kalender mit historischen Motiven aus Friedrichshafen? Da fielen einem bislang nur die Zeppelin-Fotokalender ein. Aber jetzt kommen gleich drei neue auf den Markt. Der erste konzentriert sich auf Friedrichshafen, der zweite auf Fischbach und der dritte auf Ailingen/Berg.

Herausgebracht werden sie von der Kalender-Manufaktur im niedersächsischen Verden. Ohne den Häfler Martin Kohler würde es die Kalender aber nicht geben, denn die vergrößerten Postkartenmotive dazu stammen aus seiner heimatgeschichtlichen Sammlung. Gerechnet hätte Kohler mit der Anfrage des Verlags nicht, der lokale Kalender in kleiner Auflage druckt und sich vor Ort Vertriebspartner sucht. Zudem sind Postkarten nur ein kleiner Nebenzweig seiner Sammlung, in die die Häfler schon Einblick nehmen konnten: Im Zeppelin-Museum gestaltete Kohler vor Jahren eine Ausstellung mit historischen 3D-Fotos zur Luftschifffahrt, sogenannten Stereoskopien. Auch für das Schulmuseum hat er 2016 eine Ausstellung erarbeitet, über das Königin Paulinenstift und seine Lehrerin Lina Bögli.

Genauere geschichtliche Erläuterungen zu den Abbildungen enthalten die Kalender leider nicht, aber die jeweils 13 Motive im A3-Format sind prächtig. Im Kalender über die Kernstadt, der ausschließlich Farblithographien zeigt, etwa eine sehr belebte Hafenszene, den Stadtbahnhof, das katholische Mädchenstift St. Antonius oder eine Uferszene mit promenierenden Damen, die an impressionistische Malerei erinnert. Der Fischbacher Bildkalender enthält historische Fotos – darunter ein Luftbild von Fischbach aus dem Jahr 1955, Aufnahmen vom alten Campingplatz aus den 1950er-Jahren, das Strandbad Fischbach um 1920 oder die Kirche St. Magnus 1956, kurz nach der Fertigstellung. Der Kalender über Ailingen/Berg wiederum zeigt Ailingen aus der Luft im Jahr 1938, die Reinach-Mühle, Szenen aus dem bäuerlichen Leben oder das Innere der Kirche St. Nikolaus in Berg.

Martin Kohler hat einen großen Teil seiner Postkartensammlung bei Ebay erstanden. „Manche Aufnahmen gibt es schon für zwei bis drei Euro. 30 bis 40 Euro zahlt man für etwas wirklich Exklusives“, sagt er. Ihn interessieren historische Aufnahmen, weil sich an ihnen die baulichen Veränderungen über die Jahrzehnte ablesen lassen. Darüber hinaus interessiert ihn das alltägliche Leben der Menschen von damals. Es findet sich in der Regel nicht auf Postkarten, sondern in privaten Fotoalben, die über Nachlässe auf den Markt kommen. Auf Flohmärkten wird er dabei kaum noch fündig. „Die Händler verkaufen die interessanten Sache im Internet und nehmen zum Flohmarkt nur die Reste mit“, weiß er.

Pfarrer leiht der Stadt Geld

Aktuell sammelt Martin Kohler vor allem alte Schriftdokumente – sogenannte Vorphila-Briefe aus Zeiten vor 1850, als es noch keine Briefmarken gab. „Man bekommt diese Briefe relativ günstig, gerade weil keine Marken drauf sind“, sagt er und öffnet einen von vielen Ordnern, prall gefüllt mit vergilbten Briefen in altdeutscher Handschrift, die in Klarsichtfolien stecken. Um sie lesen zu können, hat Kohler eigens einen Kurs besucht. „Das sind Dokumente aus Tettnang“, sagt er. Das interessanteste stamme vom Ende des Dreißigjährigen Krieges. „Ein Schriftstück, in dem der Tettnanger Pfarrer der Stadt 150 Gulden leiht, weil sie völlig verarmt war.“ Um Geld geht es auch im Brief eines Handwerksburschen auf der Walz. Er habe in seiner Not schon sein Hemd verkauft, schreibt er in den 1820er-Jahren nach Hause und erbittet sich nicht mehr als was er braucht, um sich wieder Kleidung kaufen zu können. Oder der Brief eines Mädchens aus Bern, das 1794 einem Pfarrer in Vaihingen schreibt: Ein Handwerksbursche habe ihr ein Kind gemacht. Er versprach auch, sie zu heiraten, sei dann aber weitergezogen. „Sie schreibt, sie würde den Kindsvater ja nehmen; aber dazu müsse er halt wiederkommen“, gibt Kohler den Brief wieder.

Besonders interessiert ist Martin Kohler an Schriftzeugnissen zum jüdischen Leben in der Region, aber auch darüber hinaus. So hat Heinrich Einstein aus Buchau, der Onkel von Albert Einstein, der Gemeinde Untermeckenbeuren Geld geliehen. Als Sicherheit verpfändete die Gemeinde Grundstücke; das belegt ein Schriftstück aus seiner Sammlung. Berührend ist ein anderes Stück: eine Fotopostkarte aus dem Jahr 1906, geschrieben von jenen beiden Mädchen aus Wiesbaden, die lächelnd darauf abgebildet sind: Else Witkowski und ihre kleine Schwester Katharina. Beide wurden Jahrzehnte später von den Nationalsozialisten ermordet, in Riga und in Auschwitz, wie Kohler bei seinen Recherchen herausfand. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein handschriftliches Dokument von jemandem zu lesen, der so etwas erdulden musste“, sagt er.

Einen kleinen Teil seines uferlosen Schriftenschatzes wird Martin Kohler 2019 im Schulmuseum zeigen – in einer Ausstellung zum Thema Schrift. Nach den Bildkalendern ist dies das nächste Projekt, auf das er sich vorbereitet.

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